Zwiebus´Logbuch / 11.09.2956 SEY / Auf der Suche nach der ´Anthony Tanaka´ / Teil 2 / Zero wirft einen erschreckenden Blick in die Vergangenheit
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Lord_Zwiebus -
27. September 2026 um 22:53 -
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Zero zeigte auf den in edlen Marmor gefassten Eingang des Maria Pure of Heart-Krankenhauses. „Lass uns dort ins Foyer gehen, ich muss noch etwas mit euch besprechen“, zischte er leise. „Etwas, das ich besser nicht so offen hier verhandeln möchte.“
Als sie unter der Statue von Maria Hurston angekommen waren, deutete Zero auf eine kleinere Halle abseits, in der Versicherungen verkauft wurden. „Dort drinnen gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Abhörgeräte“, raunte er. „Denn eines ist der Familie Hurston tatsächlich heilig... und ist es schon immer gewesen: ein erfolgreiches Verkaufsgespräch!“
Sie begaben sich in die Nebenhalle zu Olympus Insurance, und Zero begann sogleich zu sprechen: „Ich meine, dass wir uns aufteilen müssen. Wir sollten zuallererst die Ladung mit den Flüchtlingen, die Merrick uns vermittelt hat, über den Frachtaufzug entgegennehmen und in die Rusty Brick verladen. Sobald das Laden abgeschlossen ist, müssten wir sofort starten – idealerweise mit beiden Raumschiffen gleichzeitig! So lassen wir die Hurston-Flugsicherung ein paar Sekunden länger rätseln, bevor sie eine Entscheidung treffen kann.“
„Okay, dann beginnst du nach dem Laden mit den Startvorbereitungen, und Pike und ich setzen uns in einen Zug und machen uns ab nach Gate 6“, entgegnete Zwiebus schlussendlich. Er wandte sich um: „Und Pike, was meinst du?“
„Ja, wir sollten das so machen. Das wird klappen!“, antwortete Pike zuversichtlich.
Die Container wurden rasch in die Rusty Brick verladen. Merrick war anscheinend inzwischen noch vorsichtiger geworden, denn es handelte sich nicht mehr um bloße Cryopods, sondern um große 32-SCU-Container, in denen sich die Kapseln verbargen. Alles, um die Sache unauffälliger zu gestalten, als früher, als Pike und Zero zusammen mit Alaska die ersten Cryopods nach Levski gebracht hatten.
„Ladung ist gesichert!“, rief Zwiebus lautstark und hängte den großen Traktorstrahler zurück in die dafür vorgesehene Wandhalterung. „Pike, dann lass uns mal eine Runde Zug fahren!“
„Okay, ich werde die Rusty Brick inzwischen startklar machen“, rief Zero zurück. „Das braucht bei dem Riesenkahn auch einen Moment.“
Gleich darauf verschwand er in der technischen Abteilung der Ironclad.
„So, Perimeter-Line Gate 6 ...“, murmelte Zwiebus vor sich hin, als er zusammen mit Pike in die Tram stieg.
„Vorsicht! Es wird immer noch einiges an Sicherheitspersonal an den Gates herumlaufen. Bleib erst einmal besser hinter mir“, raunte Pike - Er hatte vor etwas mehr als einem Jahr als Sicherheitsbulle bei der HD-Security gearbeitet - als die beiden an Gate 6 aus der Tram stiegen, um in die Fahrzeughangars zu gelangen. Erstaunlicherweise kam ihnen außer einigen Hurston-Dockarbeitern niemand entgegen. Nicht ein einziger HD-Security-Wachposten stand hier herum.
„Na, sollten wir etwa Glück haben?“, fragte sich Pike laut. „Da wird doch am Ende dein Schiff nicht schon verkauft worden sein?“ Er versuchte, Zwiebus aus der Reserve zu locken.
„Lass uns einfach nachschauen!“, grollte ein inzwischen ungeduldiger Zwiebus.
Zwiebus, der immer noch in die Kluft eines HD-Dockarbeiters gekleidet war, und Pike verließen das Gate und sahen sich plötzlich mit einer riesengroßen, leeren Ebene konfrontiert. Weit und breit war kein einziges Raumschiff zu entdecken.
Der Wüstenwind pfiff über die weite Ebene, als Zwiebus den Kragen seines verschlissenen Overalls enger zog. Er klammerte sich an die letzte Hoffnung, die Anthony Tanaka doch noch zu finden. Sein Blick wanderte suchend über das öde Areal.
„Dort hinten, zwischen den Gebäudeabschnitten, wo der Bereich des nächsten Gates anfängt…“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu seinem Begleiter. „Wer weiß, was da auf uns wartet. Vielleicht haben sie die Schiffe irgendwo dazwischen geparkt, weniger gut sichtbar.“
Die beiden Männer machten sich auf den langen, beschwerlichen Weg über eine trostlose Brachlandschaft. Die Einöde wurde nur von vertrockneten Kakteen und verrosteten, längst aufgelassenen Chemiefässern unterbrochen. Ihr Ziel war Gate 5. Nach gefühlten zwei bis drei Kilometern eines anstrengenden Fußmarsches war jedoch immer noch kein Schiff zu entdecken.
„Zero hat es doch ganz klar lokalisiert! Gate 6! Das Schiff war dort sogar unter dem Namen Anthony Tanaka vermerkt!“, rief Zwiebus verzweifelt aus und lief keuchend weiter.
„Halt mal an!“, rief Pike und packte ihn am Ärmel. „Es hat keinen Sinn, jetzt hier planlos durch die Gegend zu rennen und nach etwas zu suchen, was wir schon aus hunderten von Metern Entfernung längst erkennen müssten.“
Zwiebus hielt inne, stemmte frustriert die Hände in die Hüften und begann wütend zu fluchen.
„Beruhige dich! Lass mich mal nachdenken“, unterbrach Pike Zwiebus’ Wutausbruch kühl.
Die beiden standen völlig allein und verloren auf der riesigen, leeren Industriebrache. Zwiebus ließ seinen Blick langsam kreisen, doch außer schmutzigen Betongebäuden, die sich über einen großen Teil des Horizonts erstreckten, gab es hier nichts zu sehen.
„Ja… das könnte sein“, sprach Pike plötzlich vor sich hin und weckte damit sofort Zwiebus’ Neugier. Schließlich sah Pike ihn ernst an. „Ich vermute mal, wir sind zu spät!“
„Na, das ist ja tröstlich“, knurrte Zwiebus bitter und schlug die rechte Faust schwungvoll in die linke Handfläche.
„Zu spät, aber noch nicht ganz zu spät!“, orakelte Pike geheimnisvoll. „Es kann sein, dass dein Schiff schon in den Verkauf gegangen ist. Doch bevor deine Anthony Tanaka einen neuen rechtmäßigen Besitzer bekommt, muss sie aufgearbeitet und für den Verkäufer hergerichtet werden. Das wird tatsächlich in einigen Hangars des New Deal-Raumschiffhändlers erledigt.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und eilte zurück in Richtung Gate 6. Zwiebus lief ihm dicht auf den Fersen hinterher, ohne genau zu wissen, was Pike vorhatte. Am Gate befanden sich immer noch keine Wachleute. Pike bog zielstrebig in einen kleineren Hangar ab, der eigentlich für Oberflächenfahrzeuge vorgesehen war.
„Gibt da noch so ein paar alte Vorrangcodes, die ich von damals kenne…“, murmelte er leise, während seine Finger wie wild über das Terminal flogen. Nach wenigen Augenblicken hielt er inne. „So, Zwiebus, ich kann dich, glaube ich, beruhigen…“
Zwiebus trat näher, sah Pike über die Schulter und entdeckte auf dem Display tatsächlich einen aktuellen Eintrag über eine Asgard.
„Wir müssen uns jetzt wirklich beeilen!“, drängte Pike. „Vermutlich wird deine Asgard in der nächsten Stunde einen neuen Besitzer haben!“
„Hurra! Ich freue mich!“, grunzte Zwiebus zynisch. „Und was machen wir jetzt?“
„Uns beeilen, du Trottel!“, lachte Pike. „Komm mir hinterher! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“
Die beiden rannten los, ohne noch Rücksicht auf auffälliges Verhalten zu nehmen. Sie liefen quer durch das Terminal von Gate 6, hasteten in die nächste Bahn und durchquerten anschließend im Laufschritt das gesamte Raumhafen-Terminal, bis sie schließlich in einem Aufzug nahe des New Deal-Händlers verschwanden.
„So, jetzt vorsichtig sein, wenn wir da unten rauskommen!“, mahnte Pike. Er ging sofort in eine geduckte Haltung, als sich die Aufzugtür mit einem Zischen öffnete und den Blick in einen Hangarvorraum freigab. Zwiebus duckte sich dicht hinter ihn und versuchte ebenfalls, unentdeckt zu bleiben. Vorsichtig schlichen die beiden aus dem Fahrstuhl und tasteten sich, immer an der Wand entlang, in den schummerigen Vorraum des Hangars. Zwiebus konnte vor Aufregung sein eigenes Herz im Hals schlagen hören, als er endlich in den eigentlichen Hangar hineinspähen konnte.
Dort stand sie! Seine Anthony Tanaka. Die Asgard, die bei dem verhängnisvollen Himmelfahrtskommando in der Hurston-Wüste beschlagnahmt worden war.
„Ruhig!“, zischte Pike und spähte auf der Suche nach Mitarbeitern von New Deal durch den Raum. „Nichts zu sehen!“, flüsterte er erleichtert. „Wenn das Verkaufsprozedere abläuft wie gewohnt und der Käufer das Schiff innerhalb der nächsten Stunde übernehmen will, dann ist dein Kahn jetzt startklar. Aufgetankt, aufmunitioniert und komplett fertig für den Abflug.“
„Du meinst, wir können damit jetzt einfach starten und losfliegen?“, freute sich Zwiebus ungläubig.
„Exakt! Die haben uns die gesamte Arbeit der Startvorbereitung schon abgenommen“, sagte Pike grinsend.
In geduckter Haltung eilten sie an den Hangarwänden entlang zum Schiff und kletterten über das Seitenschott der Asgard ins Innere.
„Hier!“, rief Pike erfreut. „Sehr gut! Hier liegen ja sogar noch die Verkaufsunterlagen! Auch deine Hangar-Freigabe unter dem Namen des Käufers! Besser könnte es gar nicht laufen!“
Pike wandte sich um und trieb seinen Begleiter an: „Los, setz dich in den Pilotensitz! Und fordere eine Startfreigabe unter dem Namen und der Kennnummer des Käufers an!“
Zwiebus schnappte sich das Tablet mit den Unterlagen und verschwand im Cockpit. Umgehend verband er das Gerät mit dem Bordcomputer der Asgard. Das Schiff überspielte die Daten offenbar augenblicklich an den Tower, denn schon im nächsten Moment knackte es lautstark aus dem Funkgerät:
„Hier Lorville-Raumüberwachung. Haben Sie das Schiff etwa schon übernommen, Mr. Seeger?“
„Ja“, antwortete Zwiebus kurz und bemühte sich, das Stottern in seiner Stimme zu unterdrücken. „Die New Deal-Mitarbeiter haben ganze Arbeit geleistet. Ich habe sie bereits von Bord geschickt. Ich bitte um Startfreigabe für Flugnummer 23-789a.“
„Startfreigabe ist erteilt!“, kam es kurz und bündig aus dem Lautsprecher.
Die gewaltigen Hangartore über der Asgard fingen augenblicklich an, sich unter dem ächzenden Jaulen der Hydraulik zu öffnen.
„Pike, wir können starten!“, rief Zwiebus nach hinten.
„Dann los! Ich begebe mich rüber zum Ingenieursterminal!“, schallte Pikes Antwort zurück.
Zwiebus’ Herz machte einen Freudensprung, als die Triebwerke der Asgard hochfuhren und das vertraute Dröhnen des gesamten Maschinenparks an seine Ohren drang. Meine Anthony Tanaka! Endlich habe ich sie wieder!, dachte er glücklich und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
Das Schiff hob geschmeidig ab, verließ den Hangar, und Zwiebus gab Vollschub mit allem, was die Asgard an Energie zu bieten hatte. Unter der Asgard taten sich die Hochöfen Lorvilles wie Höllenschlunde auf.
„So, jetzt schnell in den Orbit und weiter! Wir müssen die Umlaufbahn um Hurston schnellstens verlassen!“, rief Pike vom Ingenieursterminal herauf. „Der richtige Käufer sieht gerade womöglich den leeren Hangar! Wir kommen sonst gleich in Teufels Küche!“
Zwiebus setzte umgehend Kurs auf einen fiktiven Punkt zwischen den Orbitalbahnen der Hurston-Himmelskörper. „Ich fliege erstmal ein paar Millionen Meilen in den Leerraum hinein, dann können wir uns beraten“, sagte er.
Das zügige Verlassen des Orbits war tatsächlich dringend nötig gewesen. Zwiebus wurde klar, dass die Hurston-Raumüberwachung inzwischen Lunte gerochen hatte und den Orbit mit Hochdruck nach verräterischen Transpondersignalen absuchte. Doch fürs Erste waren sie sicher; verloren im tiefen Leerraum zwischen den Planeten des Stanton-Systems.
„So“, sagte Pike schließlich, als er das Cockpit betrat. „Das Transpondersignal, das zum Käufer gehörte, ist jetzt verbrannt.“
„Wo kriege ich denn jetzt ein neues her?“, fragte sich Zwiebus laut. „Mit dem Transpondersignal des Käufers bin ich doch überall Freiwild. Wer kann solche Signale so manipulieren, dass sie der Raumüberwachung nicht auffallen?“
„Das kann nicht mal Zero“, antwortete Pike zögernd.
„Okay… dann müssen wir wohl doch…“, Zwiebus machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr: „…nach GrimHex ins Crusader-System fliegen.“
Pike hob eine Augenbraue. „Meinst du die Leute von GrimNeck-Repair?“
Zwiebus nickte stumm.
„Das klingt gut“, sagte Pike. „GrimNeck-Repair hat schließlich einen Ruf… sozusagen. Setz einen verschlüsselten Funkspruch an Zero ab und sag ihm, dass wir uns auf GrimHex treffen.“
Damit hatte Zwiebus allerdings nicht gerechnet: dass ihn dieser Ausflug ausgerechnet an seinen alten Wohnort zurückbringen würde. Der Ort, der in Stanton sein Zuhause gewesen war, bevor er sich zum zweiten Mal – und dann endgültig – nach Levski begeben hatte.
Mit einem leicht mulmigen Gefühl setzte er die Anthony Tanaka schließlich in einem Hangar der GrimHex-Raumstation auf. Beim Verlassen der Asgard kam es Zwiebus vor, als hätte er GrimHex erst vor wenigen Tagen dem Rücken gekehrt. Eine eigentümliche Vertrautheit machte sich in ihm breit. Eine Vertrautheit, die jedoch keine Sicherheit bot. Denn Zwiebus kannte die feinen Unterschiede zwischen GrimHex und Levski nur zu gut.
Zero, der den Planeten Hurston mit seiner heiklen Fracht an Bord der Rusty Brick schon vor ihnen verlassen hatte, hatte den Braten wohl gerochen und sich prophylaktisch direkt nach GrimHex begeben. Er erwartete die beiden bereits in der „R 38“ Bar der alten Raumstation.
„Na, das ist ja doch mal richtig gut gegangen!“, rief Zero erfreut aus, als er die beiden auf sich zukommen sah.
Zwiebus, der inzwischen einen beinahe seligen Gesichtsausdruck aufsetzte, nahm neben Zero Platz und wühlte in seiner Overalltasche herum.
„Zero, haben wir denn jetzt genug Zeit, um uns das Teil mal in Ruhe anzuschauen?“, fragte er und legte den altertümlichen Datenstick, den er von Merrick erhalten hatte, offen auf den Tisch.
„Steck das sofort wieder weg!“, spuckte Zero die Worte beinahe aus. Er beugte sich vor und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: „Ich bin erstaunt, wie leichtsinnig du sein kannst, Zwiebus! Lass uns diesen Speicherstick ganz in Ruhe an Bord der Rusty Brick auseinandernehmen! In meinem riesigen Schiff aus Drake-Stahl wird es sicherlich schwierig sein, uns abzuhören.“
Zwiebus, dem sogleich wieder einfiel, dass die Nine-tales wahrlich kein Haufen Kindergärtner waren, erinnerte sich schlagartig an das Gemetzel auf den Orison-Plattformen, das die Piraten seit Wochen anrichteten.
„Du hast recht. Ich habe vor einigen Tagen noch selbst gegen die Nine-tales gekämpft“, sagte Zwiebus bedrückt und zog einsichtig den Kopf ein.
Die drei Männer machten sich unverzüglich auf den Weg in Zeros Hangar, um den Speicherstick geschützt an Bord der Rusty Brick auszulesen.
Abschlussbesprechung auf der Ironclad
Als sie an Bord der Rusty Brick gingen, lag vom ersten Moment an eine fast greifbare Spannung in der Luft. Zwiebus erinnerte sich noch lebhaft an das verschwitzte Gesicht Onro Cabassas, der ihn damals so brüsk daran gehindert hatte, den Ermittlungen im Fall des Leichnams aus den Katakomben von Levski nachzugehen.
Schließlich versammelten sich alle drei im Mannschaftsquartier. Umständlich fingerte Zwiebus den Speicherstick aus seiner Tasche, reichte ihn Zero erneut .
Zero blickte skeptisch auf das antiquierte Stück Technik in seiner Hand. Er kramte kurz in einer Schublade, förderte ein paar seltsam zusammengelötete Adapter zutage und verband den Speicherstick aus Levski schließlich mit seinem Tablet. „Allzu komplex können die Verschlüsselungsalgorithmen ja nicht sein“, raunte er vor sich hin.
Zwiebus hatte unweigerlich den Eindruck, dass Zero den Sicherheitskräften von Levski in dieser Hinsicht nicht viel zutraute.
„Schon so weit... da haben wir es doch schon!“, murmelte Zero gedankenversunken. „Ich muss das alles nur noch durch einen Debugger schicken... Ich denke, dass ihr gleich... Ah ja, da sieht man es doch schon!“
Auf dem Tablet erschien das offizielle Logo der Levski-Security, darunter ein Aktenzeichen und eine Asservatennummer.
„Richtig! Das ist das elektronische Deckblatt dieser Akte!“, rief Zwiebus voller Erwartung aus.
Was jedoch als Nächstes geschah, hatte keiner von ihnen vorhersehen können. Zwiebus beobachtete erschrocken, wie sich Zeros Gesichtsfarbe schlagartig veränderte – erst in ein fahles Grau, dann in ein kalkiges Weiß. Zeros Atem wurde schwer, während er sich verkrampft an die Brust griff.
„Oh... da kommt einiges wieder hoch!“, stammelte er mit brüchiger Stimme.
Weder Zwiebus noch Pike wagten es in diesem Moment, ihn zu unterbrechen oder Fragen zu stellen. Beide spürten instinktiv, dass Zero von Schatten aus seiner eigenen Vergangenheit eingeholt worden war.
Erst nach einigen qualvollen Sekunden fand Zero seine Fassung wieder. Er räusperte sich mühsam.
„Die Ermittlungsakte von Kylo.“
Levski_884-C_Datenkern_Akte_v5.1 (1).pdf
„Kylo?“, kam es wie aus einem Mund von Zwiebus und Pike.
„Es handelt sich um den Namen des Toten, von dem Zwiebus schon so oft erzählt hat – dem Toten, der im Jahr 2948 auf Levski gefunden worden war. Genauer gesagt um jenen Leichnam, den du, Zwiebus, damals entdeckt hattest.“, Zero hielt das Tablet den beiden entgegen.
Hastig überflog Zwiebus den Text des Ermittlungsberichts und schauderte bei den darauffolgenden Schilderungen des Forensikers. Sein Blick blieb jedoch an einem Bild hängen, das dem Obduktionsbericht angefügt war. Es zeigte einen bartlosen Mann um die dreißig. Seine Augen waren würdevoll geschlossen, doch seine Stirn war entstellt: Ein tiefes, großes X war scheinbar mit einem scharfen Messer hineingeritzt worden.
Obwohl er das Bild vor Jahren schon mal gesehen hatte, besaß die schreckliche Geschichte für Zwiebus jetzt endlich ein Gesicht und einen Namen. Das Gesicht und den Namen dieses Toten.
Zwiebus schluckte schwer. Er begann, den Bericht des Forensikers Zeile für Zeile zu studieren. Am Ende dieser unerfreulichen Lektüre schlug er sich entsetzt an die Stirn und murmelte vor sich hin: „Ein Ritualmord! Ein Ritualmord, wie ich es damals schon vermutet hatte! Zero, sag es! Es ist doch klar... Du kanntest diesen armen Kerl, oder?“
„Ja, sicher“, antwortete Zero leise und blickte auf den Boden. „Er war der Erste, mit dem ich auf Levski ernsthaft Kontakt hatte. Der Erste, der mir lukrative Jobs verschaffte. Ich war zwar schon längst Mechaniker dort, aber die Geschäfte mit Kylo waren wirklich sehr vielversprechend.“
„Und was war das?“, fragte Zwiebus mit schärferem, gereizterem Unterton. „Hast du auf Levski etwa mit Drogengeschäften zu tun gehabt?“
Zero, der nur zu gut wusste, was Zwiebus vom Gebrauch oder Missbrauch von Rauschmitteln hielt, versuchte abzuwiegeln: „Kylo hat mir nie gesagt, was in diesen Paketen steckte. Ich bin mir sicher, es war nichts wirklich Wildes!“
Pike griff sich das Tablet und schaltete sich energisch in das Gespräch ein: „Hier ist die Rede von einem Typen, der zum Instandsetzungstrupp Levskis gehörte. Laut diesem Bericht hat dieser Mann die Drogenpakete... oder nein, einfach nur Pakete unbekannten Inhalts... irgendwo auf der Oberfläche Delamars von Kylo entgegengenommen. Bist du das gewesen, Zero?“
„Ja, das war ich!“, kam die Antwort von der anderen Seite des Tisches: „Ich habe damals Pakete von Kylo entgegengenommen. Kylo hat mir im Vertrauen gesteckt, dass er diese Pakete von einem Ort, irgendwo in Stanton, Namens Jump Town abgeholt hätte.“
Zwiebus holte tief Luft. „Zero, ich will jetzt beim besten Willen nicht darauf herumreiten, dass ich absolut nicht damit einverstanden bin, was du früher mit Kylo für Geschäfte gemacht hast. Das ist jetzt, auch für mich, nicht Thema. Was mich aber an der ganzen Sache wirklich fuchst, ist das seltsame Verhalten von Cabassa und der gesamten restlichen Bagage der Levski-Security.“
Er machte eine kurze Pause und setzte dann entschlossen nach: „Irgendetwas – ich weiß nicht was, warum oder in welchem Ausmaß – wollte Onro Cabassa vor mir verbergen. Anfangs hatte ich tatsächlich den Eindruck, als ob er glaubte, ich würde fest zum Ermittlerteam wechseln. Doch als ich in dieser Akte etwas tiefer bohren wollte, blockte er vollkommen ab. Und mit ihm der gesamte Sicherheitsapparat von Levski. Ich habe diese Geheimniskrämerei nie verstanden, zumal sie den Idealen der People’s Alliance vollkommen entgegensteht!
Mir war es wichtig, dass dieses Drogenproblem auf Levski verschwindet, deswegen war ich vorübergehend Mitglied der Ermittlungsgruppe. Aber vertuschte Morde oder absichtlich unaufgeklärte Tötungsdelikte lassen mich an der Integrität der Sicherheitsorgane von Levski ernsthaft zweifeln!“
Pike blickte mit ernster Miene in die Runde. „Zwiebus, ich kann dir sagen: Sicherheitsorgane entwickeln immer eine seltsame Eigendynamik. Ich kann davon ein Lied singen! Was du hier erlebst, ist gar nicht ungewöhnlich. Am Ende pervertiert jeder einzelne Machtapparat – völlig egal, für welche Ideale oder für welche Familie er arbeitet.“
„Pike, das ist nicht einmal ein schwacher Trost für mich“, entgegnete Zwiebus trotzig.
Zero rieb sich die Augen und sprach ohne dabei jemanden anzusehen: “Ich habe damals für Recco Bataglia – ihr kennt sie ja sicherlich – kleine Frachtaufträge von Stanton nach Levski gebracht. Die sollte ich dann für Wallace auf Levski abgeben.“
„Wallace, der jetzt auf GrimHex sitzt?!“, fragte Zwiebus erstaunt.
„Genau, der!“, antwortete Zero: „Ich habe immer geglaubt, Kylo sei einfach nur einem Konkurrenten zum Opfer gefallen. Doch wenn ich diese Akte hier sehe, Kylo als Opfer eines vermeintlichen Ritualmordes, und dass Wallace und vielleicht auch Recco da mit drin stecken könnten…
Was ich auch noch weiß ist, dass Wallace nach dem Tod von Kylo das ganze Drogengeschäft auf Levski unter sich hatte. Jetzt schwant mir, dass da etwas größeres im Gange war, als simple Konkurrenz unter kleinen Dealern.“
Zero, der sich das Tablet wieder geschnappt hatte, verfiel in langes Schweigen. Er war völlig in die Daten vertieft. Seine Finger wischten und tippten über die Glasscheibe, er zoomte Bilder heraus und ließ diverse digitale Filter über die Dateistrukturen laufen. Auf seiner Stirn bildeten sich nach und nach immer tiefere Falten.
„Das sind X7-Dateien!“, murmelte Zero plötzlich.
„Bitte?“, hakte Zwiebus erstaunt nach. „X7?“
„Ja, ja... Moment mal!“, wiegelte Zero ab. Er ließ sich nicht von seiner Arbeit abbringen und jagte einen speziellen Filter nach dem anderen über die Nahaufnahme von Kylos Gesicht. „Da stimmt etwas nicht...“, raunte er, ohne aufzublicken.
Erwartungsvoll starrten die beiden anderen zu ihm herüber.
Nachdem Zero gefühlt zwanzig verschiedene Filter angewendet hatte, erschienen am linken Bildrand ein paar seltsame, verzerrte Symbole.
„Seht ihr das?“, fragte Zero aufgeregt und hielt ihnen das Tablet entgegen. „Da links am Bildrand... Nach all den Filtern, die ich angewendet habe, müsste bei einer ordnungsgemäßen X7-Datei eine Prüfsumme stehen, die die Echtheit des Bildes garantiert.“
„Ja, und was ist damit?“, fragte Pike, griff nach dem Gerät und drückte seine Nase beinahe platt auf das Display.
„Das da unten war einmal eine Prüfsumme“, dozierte Zero. „Als das Bild erstellt wurde, war es eine valide Prüfsumme. Doch jetzt ist der gesamte String korrumpiert. Seht ihr? Es wurden einzelne Daten aus dem Code gelöscht und andere von woanders hineinkopiert. Das passt hinten und vorne nicht zusammen!“ Zero schlug schockiert die Hände vor das Gesicht. „Und diese Strings überlagern sich – genau so, als wären sie mehrfach an dieselbe Stelle kopiert worden!“
„Da hat sich jemand verdammt lange und gründlich damit beschäftigt“, sinnierte Pike düster.
Zero nahm die Hände vom Gesicht und blickte die beiden aus glasigen Augen an. „Kylo war vielleicht nicht mein bester Freund, aber er war einer der Ersten auf Levski, zu denen ich eine echte, vernünftige Beziehung hatte. Dass er ermordet wurde, wusste ich – sein Tod war schließlich der Grund, warum ich damals von Levski geflohen bin. Und das, was hier vor uns liegt, ist die offizielle Ermittlungsakte der Levski-Security zum Mordfall meines Freundes!“
„Ja... und?“, bohrte Pike ungeduldig nach.
„Diese Akte ist gezielt manipuliert worden!“
Geduldig erklärte Zero den beiden die technischen Spezifikationen der Dateiformate, die von den Sicherheitsorganen auf Levski um das Jahr 2948 genutzt worden waren. Er erläuterte die Sicherheitsstandards, die eingehalten werden mussten, und die extrem geringe Wahrscheinlichkeit, dass solche Dateien zu korrumpieren waren. Nach seinen Ausführungen kam er zu dem unumstößlichen Schluss, dass die Manipulation der Akte nur von Mitgliedern der Security, von einem hohem Mitglied der Security selbst durchgeführt worden sein konnte. Jemand hatte akribisch versucht, das Bild mit Kylos Gesicht aus der Akte zu tilgen – wenn auch vergeblich.
Diese Erkenntnis schlug bei Zwiebus ein wie eine Bombe.