Zwiebus´Logbuch / 13.07.2956 - Teil 1 / Erinnerungen an´s alte Levski
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Lord_Zwiebus -
8. August 2026 um 10:31 -
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Zwiebus´Logbuch / 13.07.2956 - Teil 1 / Erinnerungen an´s alte Levski
Zwiebus zog seine Kapuze tiefer über die Stirn und verließ das kleine Wohn-Hab auf Floor 2. Er war inzwischen auf die Peoples-Alliance-Service-Station-Alpha umgezogen. Eigentlich war er seit seiner Ankunft hier im Nyx-System erleichtert gewesen, wieder in seinem alten Levski sein zu können. Doch mit dem Levski, wie es sich ihm mittlerweile darstellte, wurde er nicht mehr so richtig warm.
Die Enclave war gewachsen. Was vor einigen Jahren noch eine kleine Zuflucht gewesen war, hatte sich auf dem Asteroiden Delamar zu einem großen Warenumschlagplatz gewandelt – immer noch unter der schützenden Hand der Peoples Alliance. Sicher, das war das Wichtigste von allem, denn so konnte die UEE ihre gierigen Finger hier im Nyx-System nicht weiter ausbreiten. Doch die freie Stadt hatte sich scheinbar ökonomischen Sachzwängen gebeugt.
Früher waren es nur die unterschiedlichen Dialekte der Flüchtlinge und ihrer Nachfahren gewesen, die die verschiedensten Sprachmelodien in Levskis Gängen erzeugten. Nun aber wimmelte die Station von Raumfahrern, die nur kurz blieben und schnell wieder verschwanden – die üblichen Glücksritter, durchsetzt von geschäftstüchtigen Händlern.
Auf Alpha war es schlicht ruhiger. Irgendwie ursprünglicher, so, wie er die Alliance früher einmal erlebt hatte. Doch jeder in Nyx musste immer wieder nach Levski zurückkehren, der einzigen freien Stadt in diesem Sonnensystem. Levski war der zentrale Anziehungspunkt für all jene Menschen, die die Freiheit der Unterwerfung vorzogen.
So hatte auch Zwiebus heute wieder einmal etwas auf Levski zu erledigen. Er brachte einen kleinen Transport von Alpha nach Levski. Zwiebus schlenderte durch die Ebenen der Station auf Delamar und beobachtete das ihm viel zu hektische Treiben um sich herum. Er befand sich auf dem Weg ins Admin-Center, um seine Ladung im Cargobereich anzumelden. Zudem wollte er sich dort mit Pike treffen. Pike, den er zusammen mit Zero Sense kennengelernt hatte. Pike, der ihm mit seiner geradlinigen, rustikalen Art ziemlich ans Herz gewachsen war.
Seit seiner Ankunft im Nyx-System war Zwiebus in den unterschiedlichsten Tätigkeiten unterwegs gewesen: vom Mitarbeiter der Levski Security bis hin zum Frachtpiloten und Versorgungsflieger. Auch die eine oder andere Kopfgeldjagd hatte Zwiebus im Auftrag der Levski-Security schon durchgeführt. Er war bei ihnen kein Unbekannter. Er konnte sich noch gut an die späten 40er Jahre erinnern. Solche Erinnerungen befiehlen Zwiebus immer wieder, wenn er das Admin-Center mit seinen Stellen für die gesamte Verwaltung in Levski betrat.
„Hallo! Ich habe hier ein paar Frachtcontainer. Ich will die bei euch anmelden. Ware, die aus den UEE-Systemen über Station Alpha hierher gelangt ist. Ich wollte sie ordnungsgemäß anmelden“, leierte Zwiebus seinen Text herunter.
So fühlte es sich also an, das neue Levski. Zwiebus erschauderte. Es fühlte sich an wie an einem Frachtterminal im Riker-Memorial-Spaceport auf ArcCorp. Die Bürokratie hatte auf Levski ihren endgültigen Einzug gehalten!
„Alles klar! Überspiel mir mal die Liste!“, forderte die junge Dame, ohne auch nur aufzusehen. Zwiebus hantierte kurz an seinem mobiGlas herum, bis die Frau schließlich nickte: „Wunderbar, danke dir! Ich pflege das dann in die Warenliste Levskis ein... Wie willst du bezahlt werden?“
„Na, sofort!“, antwortete Zwiebus knapp.
„Noch einer vom alten Schlag, wie?“, erwiderte die junge Frau lachend. „Keine Sorge, die Überweisung läuft schon! Wir können das inzwischen besser und schneller als die Banken in Stanton!“
„Wunderbar! Darauf kannst du wirklich stolz sein!“, brummte Zwiebus. Er war bereits im Begriff, den Raum zu verlassen, als er auf einem der hinteren Schränke im Büro eine halbleere Flasche Whisky entdeckte. Es war eine Flasche Radegast! Sie stand dort im Regal, als wäre sie seit Ewigkeiten an diesem Platz festgewachsen.
Zwiebus hielt inne. Ein Gedankenfetzen durchfuhr den alten Mann. Er deutete auf die Whiskyflasche und blickte der jungen Angestellten direkt in die Augen: „Ist der alte Fettsack immer noch hier auf dieser Etage?“
Die junge Frau an ihrem Terminal schaute ihn verdattert an: „Wer bitte?“
„Der Chef der Security hier auf Levski!“, antwortete Zwiebus.
Wie in einer Filmsequenz kam Zwiebus die alte Geschichte wieder hoch:
Eigentlich hätte es ihm vollkommen gleichgültig sein können. Die ganze Angelegenheit lag gefühlt eine Ewigkeit zurück. Es war im Jahr 2948 gewesen, doch Zwiebus konnte sich noch immer glasklar an jedes noch so winzige Detail erinnern. Vor allem das Bild dieses Leichnams in den finsteren Katakomben der alten Luftaufbereitung von Levski hatte sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Der Körper musste dort bereits eine lange Zeit gelegen haben, ehe er schließlich von den Lüftungsarbeitern und der Security entdeckt worden war.
Noch vor dem grausigen Fund in den Katakomben wurde eine Sonderkommission ins Leben gerufen. Ein spezialisierter Arm der Levski-Security sollte einem Problem Herr werden, das die Station bereits seit Jahren wie ein schleichendes Gift infizierte: der unaufhaltsame Zustrom von Drogen, die aus den entlegensten Sonnensystemen ihren Weg hierher fanden.
Bis zu einem gewissen Grad hatte die Gemeinschaft Levskies weggesehen, schließlich galt Levski als egalitäre und freiheitsliebende Oase. Doch die Zwischenfälle häuften sich und begannen, die schiere Existenz der Station ernsthaft zu bedrohen. Es waren fatale Unfälle, ausgelöst durch maßlosen Drogenkonsum: Katastrophen beim Ausbau der Tunnel, Unglücke bei der Rohstoffversorgung. Selbst unter Zwiebus’ eigenen Felsenhüpfern hatten einige zu den illegalen Substanzen gegriffen, um ihre Leistung in die Höhe zu treiben. Das bittere Ende vom Lied waren Schwerverletzte und Tote.
Zwiebus gehörte damals den sogenannten „Felsenhüpfern“ an – einer eingeschworenen, kleinen Truppe von Minern, die im Glaciem-Gürtel schufteten und dafür sorgten, dass Levski niemals die lebenswichtigen Rohstoffe ausgingen. Als erfahrener Miner wurde Zwiebus schließlich von der Security angefordert, um ein Ermittlerteam in die unerforschten Tiefen der Katakomben zu begleiten. Sie brauchten jemanden, der den Fels kannte; jemanden, der sie sicher durch die tückischen, von Sprengungen aufgerissenen Spalten führen konnte.
Es geschah an einem späten Nachmittag. Zwiebus und die Ermittler durchsuchten gerade einen abgelegenen, auf keiner Karte verzeichneten Stollen der Luftaufbereitung, als sie plötzlich auf den Toten stießen. Der Leichnam steckte in einem vollständigen Raumanzug samt Helm. Schwere Beschädigungen an seinem Raumanzug ließen keinen Zweifel offen: Das hier war kein tragischer Unfall gewesen. Das war kaltblütiger Mord.
„Ein namenloses Opfer der Drogenbanden“, brummte Onra Cabassa, der massige Chef der Ermittlergruppe und zuckte ungerührt die Achseln. „Frei nach dem Motto: Es hat jedenfalls keinen Falschen getroffen!“
Mit dieser zynischen Feststellung erstarb der Enthusiasmus der übrigen Ermittler augenblicklich. Niemand hatte Lust, tiefer in diesem Dreck zu wühlen. Doch Zwiebus, dem zwar jede polizeiliche Ausbildung fehlte, der die Aufgabe aber ungemein packend fand, biss sich fest. Seine Neugier war geweckt. Als Cabassa die Akte mit einem lauten Knall schloss und das Verfahren einstellte, trieb es Zwiebus heimlich an die Terminals, um einen Blick in die gesammelten Daten zu werfen.
Im Grunde schien Cabassas Verdacht zu stimmen. Alles deutete auf den typischen Krieg rivalisierender Banden hin. Die Security von Levski wusste längst, dass die berüchtigten Nine-tales von GrimHex clevere Schmuggelrouten bis nach Levski etabliert hatten. Auch die Headhunter aus Pyro steckten tief mit drin. Sie trieben im Pyro-System die Durchflugsgebühren für die Nine-tales ein und witterten wohl selbst ein lukratives Geschäft im Handel mit verbotenen Stimulanzien auf Levski.
Doch durfte man es dabei bewenden lassen? Cabassas profaner Wahlspruch hallte in Zwiebus’ Kopf wider: „Nur ein toter Dealer ist ein guter Dealer.“
Eigentlich wollte Zwiebus die Akte ebenfalls schließen und zurück in den Glaciem-Gürtel kehren. Zurück zu dem, was er am besten konnte: Erz abbauen, die freie Stadt versorgen und der Sache der People’s Alliance dienen. Doch die Akte ließ ihm keine Ruhe. Mit detektivischer Akribie studierte er die Files erneut. Der Raumanzug wies eindeutige Kampfspuren auf. Was Zwiebus jedoch am meisten stutzig machte, war der geschlossene Helm. Die Atmosphäre in den tiefsten Stollen Levskis war absolut atembar und vollkommen sicher – Zwiebus stand beim Auffinden des Leichnams schließlich selbst ohne Helm daneben. Der Mann hätte da unten niemals einen Helm gebraucht.
Schließlich stolperte Zwiebus über einen unscheinbaren Dateianhang. Der offizielle Obduktionsbericht der Levski-Security war eine absolute Farce; er erwähnte lediglich die offensichtlichen Beschädigungen des Anzugs. Doch dieser Anhang ließ Zwiebus die Stirn in tiefe Falten legen. Aus irgendeinem Grund hatte niemand dem Toten vor Ort den Helm abgenommen. Erst der Mediziner in der Leichenhalle hatte das Visier gelüftet und eine seltsame Entdeckung gemacht: Zwei markante Schnitte kreuzten sich präzise mitten auf der Stirn des Mannes. Der Arzt hatte dem kaum Bedeutung beigemessen – für ihn war es nur ein weiterer toter Krimineller. Doch die perfekte Symmetrie der Schnitte verriet Zwiebus etwas Grausames: Die Schnitte waren dem Opfer posthum zugefügt worden.
Obwohl Zwiebus keine Ausbildung als Ermittler hatte, so vertraute er doch seiner Intuition. Ein Wort schoss Zwiebus sofort durch den Kopf: Ritualmord.
„Völliger Blödsinn! Du schaust zu viele schlechte Serien, Zwiebus“, schalt er sich selbst laut fluchend. „Du bist verdammt noch mal ein Hilfsermittler und kein Autor!“
Er klickte sich weiter durch die Daten. Doch die Vorstellung der posthumen Verstümmelung ließ ihn nicht los. Er beschloss, Oron Cabassa bei nächster Gelegenheit direkt darauf anzusprechen.
Es dauerte Tage, den vielbeschäftigten Sicherheitschef aufzutreiben. Oron Cabassa, ein fetter, untersetzter Mann Mitte fünfzig, saß in seinem Büro an einem massiven Schreibtisch. Vor ihm stand eine Flasche und ein halb geleertes Glas Radegast-Whiskey. Mit einer fleischigen Hand wischte er sich unaufhörlich den Schweiß von der Stirn. Auf eine funktionierende Klimaanlage schien er keinen Wert zu legen. Wie ein unbeweglicher Buddha saß er da, vollkommen in sich ruhend, als schulde er keinem Menschen auf dieser Welt eine Erklärung. Schweiß tropfte von seinem Kinn direkt auf die Tastatur.
Na toll, und das mitten im Dienst, dachte Zwiebus grimmig. Schwitzen ist wohl auch eine Methode, seinen edlen Whiskey zu verwässern.
Glasige Augen, die aus tiefen Tränensäcken hervorquollen, musterten den Miner kühl.
„Na, da ist ja mein Hilfsermittler“, dröhnte Cabassa plötzlich und ein überraschend freundliches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Hast du Interesse, den Job zu wechseln, Zwiebus? Komm fest zu uns, statt die ganze Zeit im Dreck zu wühlen! Ha!“ Cabassa fing an seinen Whiskey umständlich zu verriechen und anschliessend einen Schluck zu nehmen und im Mund hin und her zu spülen.
„Nein, Chefermittler“, erwiderte Zwiebus scharf. „Ich habe lediglich eine Frage zu diesem äußerst seltsamen Obduktionsbericht.“
Cabassa stellte sein Whiskeyglas ab und blickte ihn erstaunt an. „Was für ein Bericht? Wovon redest du überhaupt?“
„Der Leichnam aus dem stillgelegten, unkartierten Stollen bei der Luftaufbereitung. Der Fund von letzter Woche.“
„Was soll mit dem sein?“, winkte Cabassa genervt ab. „Ich bin froh, dass er als Leiche vor uns lag. Sonst hätte ich das Dreckstück selbst erschießen müssen!“
Cabassas rigorose Null-Toleranz-Haltung gegenüber Dealern war auf der ganzen Station berüchtigt. Immer wieder verließen Ermittler seine Einheit, weil er die Gesetze Levskis bei der Bekämpfung des Drogensumpfs extrem weit auslegte.
„Na, was wohl?“, entgegnete Zwiebus mit triefendem Sarkasmus. „Ermittler, Ankläger und Scharfrichter in einer Person. Das spart der Justizbehörde natürlich ordentlich Personal.“
Cabassa ignorierte den Seitenhieb komplett. „Zwiebus, was ist dein Problem? Raus damit!“
„Der Obduktionsbericht, von dem ich sprach. Der Unbekannte lag in einem mit Sauerstoff befüllten Stollen und trug einen ordnungsgemäß verschlossenen Helm. Im Bericht steht nichts Auffälliges, aber ich habe mir die Bilddateien im Anhang genauer angesehen.“
„Das ist brav, mein junger Hilfssheriff“, spottete Cabassa und trommelte ein hektisches Stakkato mit den Fingern auf die Tischplatte. „Wer ein guter Ermittler werden will, muss eben früh lesen lernen.“
„Warum hat ihm dort unten niemand den Helm abgenommen? Ich frage Sie! Chefermittler!“
„Was weiß ich?“, bellte Cabassa, sichtlich ungeduldig. „Meinst du, ich beschäftige mich mit solchen winzigen Details? Ich koordiniere eine komplexe, systemweite Ermittlung! Da geht es nicht nur um diesen einen Fall!“
„Ich behaupte, dass dem Mann die Verletzungen im Gesicht erst nach seinem Tod zugefügt wurden.“
„Macht ihn das etwa noch toter?“
Zwiebus merkte, wie ihm die Argumente ausgingen. Die Frustration kochte in ihm hoch. „Das Ganze erinnert mich an einen Ritualmord!“, platzte es aus ihm heraus. Er rechnete bereits fest mit einem schallenden Gelächter des Alten. Doch, amüsiert war Cabassa nicht.
„Schluss jetzt, Zwiebus!“, zischte Cabassa eiskalt. „Du verschwendest meine Zeit. Lass diese verfluchte Akte in Frieden! Sei einfach froh, dass diese Drecksbrut in unseren Katakomben ihr Ende gefunden hat. Egal durch wen. Wenn du mich fragst, ist es mir vollkommen gleichgültig, wer den Kerl umgelegt hat. Hauptsache, er ist tot!“
Zwiebus wollte ansetzen, um die Schimpftirade zu unterbrechen, doch Cabassa übertönte ihn mühelos.
„Eins ist klar, Zwiebus: Wenn du unbedingt Ermittler werden willst, dann lerne verdammt noch mal, Prioritäten zu setzen! Beschäftige dich mit den Fällen, die noch zu lösen sind, und nicht mit dem Mist, der bereits erledigt ist!“
Der letzte Satz war kein Reden mehr – Cabassa brüllte so laut durch das Büro, dass die Worte zweifellos hallend über den gesamten Flur getragen wurden. Der Alte faltet wohl wieder einen seiner Deputies zusammen, würden die anderen Ermittler draußen lästern.
Zwiebus begriff, dass er soeben sehr unelegant hinauskomplimentiert worden war. Er nickte dem schweißnassen Gesicht kurz zu, deutete auf das inzwischen leere Radegast-Glas und verabschiedete sich: „Wenn Sie mich wieder brauchen, melden Sie sich einfach.“
„Mache ich! Keine Sorge, du Experte“, rief ihm Cabassa hinterher.
Draußen wurde Zwiebus klar, dass von dieser Behörde keine Hilfe zu erwarten war. Auch die restlichen Ermittler blockten ab. „Was kümmert dich das Schicksal eines Dealers? Sei froh, wenn sie sich gegenseitig dezimieren“, lautete der Tenor. Mit diesem Satz im Ohr verließ Zwiebus das Hauptquartier der Levski-Security. Er war ein Felsenhüpfer, kein Hilfspolizist. Es wurde Zeit, zurück zu seinen Jungs in den Asteroidenring zu kehren.
Die verschwommene Erinnerung verblasste vollends, und das Gesicht der jungen Adminangestellten schälte sich wieder aus den Nebeln seiner Erinnerung.
Sie stand nun direkt vor Zwiebus und fuchtelte aufgeregt mit beiden Armen durch die Luft. „Hey! Aufwachen, alter Mann! Die Security hat keinen Chef!“, rügte sie ihn mit ernster Miene, ehe sie nachdrücklich hinzufügte: „Die Security in Levski hat eine Chefin! … Alter!“
Zwiebus rieb sich erschöpft die Augen. „Okay, mal wieder auf dem Holzweg!“, brummte er leise, ehe er nachhakte: „Kannst du dich wirklich nicht an den alten Fettsack erinnern?“
„Nein! Ich kann mich an keinen alten Fettsack erinnern! Und ich will mich auch an gar keinen erinnern!“, erwiderte die Angestellte genervt. Demonstrativ wandte sie Zwiebus den Rücken zu.
„Kannst du mir bitte trotzdem einen Gefallen tun?“, hakte Zwiebus nach. „Und entschuldige die rustikale Wortwahl, die ich eben an den Tag gelegt habe.“
„Was willst du denn noch?“ Die junge Dame wirbelte herum, zückte ihr mobiGlas und sah ihn auffordernd an. „Sag schon! Was willst du von mir wissen?“
„Ich brauche Zugriff auf eine Akte aus dem Jahr 2948“, erklärte er drängend. „Eine Ermittlungsakte!“
„Du Witzbold! Sowas bekommen nur Bedienstete der Security – und du bist ein Frachtflieger! Also, was willst du eigentlich?“
Zwiebus aktivierte ebenfalls sein mobiGlas. „Hier! Ich überspiele dir meine Sicherheitsfreigabe. Ich darf so etwas lesen!“
„Guter Mann! Deine Sicherheitsfreigabe stammt aus den 40ern! Ausgestellt vom Vorgänger der jetzigen Sicherheitschefin!“, spottete sie. „Deine Freigabe ist schon seit ewig abgelaufen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Soll ich dir etwa einen Termin bei der Sicherheitschefin machen, damit du eine neue bekommst?“
„Nein danke“, winkte Zwiebus resigniert ab. „Das läuft hier inzwischen scheinbar alles streng nach Vorschrift. Das würde vermutlich Monate dauern!“
„Na gut, dann kann ich dir auch nicht weiterhelfen. Aber du kannst mich gerne wieder beehren, wenn du das nächste Mal Fracht anzumelden hast!“
Zwiebus seufzte schwer und setzte seinen Weg fort. Er steuerte auf den belebten „Grand Barter“ zu – dort wollte er sich mit Pike treffen.
Alaska hatte bei Zwiebus angefragt, ob dieser die Marco Polo, eine Carrack, nicht modernisieren könne. Das Schiff gehörte eigentlich der SCIUN, war Alaska jedoch zur Verfügung gestellt worden. Zwiebus würde doch sicherlich wissen, wo man gebrauchte militärische Schutzschilde der Größenklasse 3 auftreiben konnte.
Zwiebus hatte von den Logistikzentren auf Hurston und microTech gehört. Auf deren Arealen fanden sich häufig Rückläufer von Erprobungsflügen – unter anderem Schiffskomponenten der Klasse 3 von erstaunlich guter Qualität. Zudem wusste Zwiebus, dass Pike noch immer ein Hühnchen mit seinen ehemaligen Arbeitgebern auf dem verseuchten Planeten Hurston zu rupfen hatte. Er nahm an, dass Pike für Schandtaten gegenüber dem Hurston-Konzern durchaus zu haben sein dürfte.
„Solange die People’s Alliance nicht beklaut wird, ist es mir völlig egal, wer da draußen bestohlen wird… Solange ich derjenige bin, der klaut!“, murmelte Zwiebus grinsend und freute sich schon auf das Wiedersehen mit Pike.
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