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Zwiebus´Logbuch / 18.07.2956 / Ein langer Marsch durch die Wüste - Hurston

  • Lord_Zwiebus
  • 10. August 2026 um 17:14
  • 21 Mal gelesen
Willkommen in der SC-Kantine, Reisender...
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Unbarmherzig, endlos, trocken und heiß. Diese Worte arbeiteten sich in Zwiebus’ Gedanken immer mehr in den Vordergrund. Mit jedem Schritt, jedem schmerzhaften Anheben seiner malträtierten Knie und jedem Ächzen im Rücken, das der schwere Tornister verursachte, drängten sie sich ihm auf. Er hielt inne. Auch seine Leidensgenossen mussten unwillkürlich immer wieder Verschnaufpausen einlegen. Zwiebus ließ seinen Blick durch die flirrende Luft schweifen. Geröll, Felsen, Sand – das war alles, was sich seinen wunden Augen bot.


Ähnlich wie die frühen Inuit auf der Erde einst zwanzig verschiedene Wörter für die Farbe Weiß entwickelt hatten, fielen ihm vor der Einöde immer neue Begriffe für eine andere Schattierung der Farbe Braun ein. Schokoladenbraun, Kaffeebraun, Rußbraun, Sepia, Kupfer, Terra Cotta, Bernsteinfarben, Ziegelbraun. So entwickeln sich wohl Sprachen, irgendwie der Umwelt angepasst. Ob ich das mit Pike mal erörtern soll?, fragte er sich im Stillen.


Er betrachtete die Szenerie mit seinen beiden Kumpanen in der Wüste. Er konnte sich keinen unpassenderen Ort vorstellen, um solche sprachwissenschaftlichen Fragen zu ergründen.


Es muss die Hitze sein!, dachte Zwiebus verbittert. Dieser unbarmherzige Drecksstern Stanton, der alles in gleißende Helligkeit tauchte und sie mit all seiner Energie überschüttete. Zwiebus klopfte sich an den Helm.


Langsam machen! Mach langsam!, ermahnte er sich selbst. Sein Atem schlug sich als feiner Beschlag an der Innenscheibe seines Helmvisiers nieder. Ah, Mist! Ich muss wieder anhalten und meine Filter säubern! Wird Zeit, dass wir wieder einen Schattenplatz finden. Irgendeinen großen Felsen oder so ... Es wird langsam Mittag und wir brauchen einen Felsüberhang!


Zwiebus’ Gedanken kreisten seit einigen Stunden nur noch um diese eine Frage. Seine Füße schmerzten, die Knie und Beine fühlten sich an, als wären sie tonnenschwer. Der große, gelbe Greycat-Tornister zog mit aller Macht an seinen Schultern. Drei Mal war er schon gestürzt und mitsamt seinem Anzug an scharfkantigen Felsen abgerutscht. Das gute Drake-Tape! Ja, das gute Drake-Tape rettete mal wieder Leben.


Wirre Gedanken zogen durch Zwiebus’ Kopf. Seltsame Bilder erschienen vor seinen Augen. Die Luft flimmerte, und er konnte seine beiden Kumpanen wie kleine Zinnsoldaten neben sich herstapfen sehen. Bei allen dreien waren die Köpfe gesenkt, der Blick starr auf die Füße gerichtet. Sie waren inzwischen so schwach, dass jeder Fehltritt das Ende bedeuten konnte.


Sie waren in unmittelbarer Nähe der Dupree-Facility losgelaufen. Nun folgten sie dem geraden Weg nach Trilo. Jendrikon war der Ansicht gewesen, dass dies der der Facility am nächsten gelegene Ort und somit die einzige Möglichkeit war, aus dieser Wüste wieder herauszukommen. Ha! Entspannte 140 Kilometer! Wird mit einem lockeren Fußmarsch doch zu machen sein!, lachte Zwiebus in sich hinein. Ein Scheißdreck war das! Ein absoluter Scheißdreck!


Es stand nun die dritte Nacht an, seitdem sie an der Landestelle der Anthony Tanaka losmarschiert waren. Jendrikon hatte es ausgerechnet: Sie würden in einem Tagesmarsch 40 Kilometer schaffen. Jetzt war die Mitte des dritten Tages erreicht. Also hatten sie etwa 100 der 140 Kilometer hinter sich gebracht. Der Rest müsste ja ein Klacks sein! Nachdem wir das jetzt schon hinter uns haben..., lästerte Zwiebus vor sich hin.


Nein! Er war ganz ehrlich am Ende. Ihm fehlte die Kraft, ihm fehlte die Orientierung. Der grelle Stern Stanton schickte unbarmherzig seine Photonen auf die drei Gestalten hernieder. Die Temperatur in den Anzügen selbst war bis an die Grenze des Erträglichen gestiegen. Der vergiftete Staub des Planeten lag wie ein feiner Film auf allen Ausrüstungsteilen und natürlich auch auf den Filtern der anzugsinternen Luftaufbereitung. Mit jedem Filterwechsel ging wertvolle Flüssigkeit verloren. Die drei konnten von Glück sagen, dass sie Raumanzüge trugen. Ohne sie hätten sie in dieser Wüste keinen einzigen Tag überlebt.


Mühsam lenkte Zwiebus seine Schritte in eine kleine Senke, in der Hoffnung, irgendwo an einer geschützten Stelle ein wenig Schatten finden zu können.
„Hey! Alter Mann! Wo willst du hin? Das ist nicht unsere Richtung!“, knackte es in seinem Helmfunk.


„Pike, alles gut! Mach dir keine Sorgen!“, funkte Zwiebus zurück. „Ich will nur einen Moment lang etwas abwärtsgehen, sonst breche ich gleich zusammen!“ Zwiebus korrigierte seine Laufrichtung. Er merkte deutlich, wie die geringe Steigung, die er nun wieder hochsteigen musste, an seinen Kräften zehrte.


„Stanton hat seinen Zenit bald erreicht und wir brauchen dringend Schatten!“, rief er.


„Verdammt, in meinem Raumanzug stinkt es wie in einem Kopionkäfig!“, rief Jendrikon. „Wir müssen irgendwo einen Ort finden, wo wir unsere Helme kurz abnehmen können!“
Zwiebus ließ seine inzwischen trüben Augen über die Weite schweifen und erspähte einen großen, schwarzen Felsen in dem ockerfarbenen, braunen Einerlei.


„Da hinten, diese Felskante – die könnte Schatten bieten! Vielleicht hat der Felsbrocken sogar einen leichten Überhang.“


Die drei korrigierten ihre Marschrichtung. Langsam, unendlich langsam näherten sie sich in der gleißenden Hitze dem rettenden Schattenplatz. Seine beiden Kumpane, um einiges jünger als er, erreichten den großen, schwarzen Granitblock als Erste.


„Puuh! Es ist kaum auszuhalten!“


Pike setzte sich als Erster mit dem Rücken an die vermeintlich kühle Felswand und ärgerte sich maßlos über seinen Irrtum. Der Fels hatte sich aufgeheizt und strahlte eine Wärme ab, die ausgereicht hätte, um ein ganzes Haus zu beheizen.


„Hilf mir mit dem Helm! Ich brauche Luft!“, röchelte Zwiebus. Pike machte sich umgehend an der Klemmung des Raumanzughelms zu schaffen. Anschließend ging Zwiebus stöhnend in die Hocke. „Leute, wenn ich jetzt hier unten bleibe, komme ich heute alleine nicht mehr hoch!“, jammerte er.


„Meinst du, bei uns läuft es besser? Nur weil wir ein bisschen schneller unterwegs sind als du, alter Mann?“, hörte Zwiebus Pike fluchen.


„Alter Mann, lass deine Stiefel an! Auf jeden Fall!“, wandte sich Jendrikon mit ernster Stimme an Zwiebus. „Wenn du deine Schuhe hier auch nur einmal ausziehst, kriegst du sie nie wieder an!“


Wo er recht hat, hat er recht, dachte Zwiebus. Er blickte auf die abgenutzten Stiefel seines alten Stitcher-Raumanzugs hinab und murmelte leise vor sich hin: „Wenn wir hier lebend wieder rauskommen, werde ich euch feierlich verbrennen! Ich werde diese verdammten Schuhe verbrennen – und zwar auf einem eiskalten Mond wie Euterpe!“


Pike beobachtete Zwiebus' Murmeln und frotzelte: „Na, Zwiebus, machst du dir wieder kühle Gedanken? Das ist vermutlich das Einzige, was hier draußen noch hilft.“


Zumindest war Pike noch fit genug für sarkastische Bemerkungen. Zwiebus hingegen war das Lachen schon lange vergangen. „Wie lange sind wir jetzt eigentlich schon unterwegs?“, fragte er, obwohl er die Antwort im Grunde genau kannte.


„Zweimal vierzig Kilometer und einmal zwanzig!“, kam die prompte Antwort von Jendrikon. „Also zweieinhalb Tage. Ist doch völlig logisch!“
„Ich würde dir ja gerne glauben, dass wir schon so weit gekommen sind“, erwiderte Zwiebus skeptisch. „Ich weiß nur nicht, ob wir wirklich ein konstantes Tempo halten. Welcher Berechnung folgt das überhaupt?“


„Na ja“, raunte Pike dazwischen, „so plus-minus eben. Verstehst du?“


Schweigend saßen sie im schmalen Schattenwurf des schwarzen Granitblocks. Über ihnen brannte die Sonne als kleiner, greller, weißer Fleck. Überall lag gelblich-brauner Staub, und es herrschte eine Trockenheit, wie sie unbarmherziger nicht sein konnte. Pike hörte Zwiebus leise vor sich hin kichern.


„Auf Aberdeen ist es zwar noch ein bisschen wärmer als hier, aber dafür gibt es wenigstens Wolken und man muss diese blendende Fratze von einer Sonne nicht ertragen!“, meinte dieser.


„Ja, großartige Idee!“, ätzte Jendrikon. „Unseren nächsten Wanderurlaub verbringen wir definitiv dort. Aber erst, wenn wir einen Plan haben, der auch funktioniert!“ Jendrikon hielt kurz inne und schob hämisch nach: „Soll ich dir vielleicht einen Plan ausarbeiten?“ „Mein Plan war hervorragend!“, entgegnete Zwiebus genervt. „Ein Plan ist nun mal nur so lange gut, wie er funktioniert. Dieser hat versagt – das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern!“


Pike grätschte dazwischen: „Schluss jetzt! Wir sitzen hier schließlich alle im selben Boot!“


„Du Witzbold! In einem echten Boot würde ich jetzt zu gerne sitzen!“, lachte Jendrikon auf.


Es war ein vollkommen surreales Bild: Eine endlose, von grellem Sonnenlicht durchglühte Wüste und ein einzelner schwarzer Felsen, in dessen Schatten drei völlig abgerissene Gestalten saßen und sich kichernd die Bäuche hielten.


Nachdem Jendrikon sich den Staub aus dem Gesicht gewischt hatte, nestelte er umständlich an seinem mobiGlas herum.


„Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass wir hier draußen in der Einöde mit einem mobiGlas noch eine Funkverbindung aufbauen können?“, fragte Zwiebus ungläubig.
„Versuch macht kluch!“, kam die prompte Antwort, während ein leises Sirren dem Gerät entwich. "S.O.S! Dies ist ein Notfall in der Wüste zwischen der Dupree-Facility und Trilo! Drei Seelen, deren Ende kurz bevorsteht! Wir brauchen dringend Hilfe!“, rief Jendrikon. Seine Stimme krächzte erbärmlich vor Trockenheit. An die beiden Kumpane gerichtet, sagte er: "Wer weiss ob wir empfangen werden. Aber es geschehen noch Zeichen und Wunder!"

„Wunder habe ich heute schon genug gesehen“, knurrte Zwiebus. „Zum Beispiel eine Banu Defender, die gottverlassen mitten in der Wüste steht!“


Tatsächlich hatten die drei vor knapp einer Stunde geglaubt, gerettet zu sein. Was sie jedoch vorgefunden hatten, war lediglich das alte, verwitterte Wrack einer seit Jahren vor sich hin rostenden Banu Defender gewesen. In ihrem erschöpften Zustand fehlte den dreien schlichtweg die Kraft, sich lange den Kopf darüber zu zerbrechen, warum ausgerechnet hier ein solches Schiff im Sand verfiel.


„Wenn dein Funkspruch Erfolg hat, kann die Defender zumindest als Orientierungspunkt dienen“, bemerkte Pike. „Dann hätte der Vogel wenigstens noch irgendeinen Nutzen.“
Es kehrte wieder Stille ein. Sie saßen wortlos nebeneinander, bis nach einer gefühlten Ewigkeit plötzlich Jendrikons mobiGlas zu blinken und zu sirren begann.


„Seid ruhig, Leute!“, wies Jendrikon sie bestimmt an und aktivierte den Holoprojektor seines Geräts. „Es hat tatsächlich geklappt! Mein Hilferuf wurde empfangen! Das ist ja unglaublich!“


„Jetzt im Ernst?!“, rief Zwiebus vollkommen ungläubig. „Hier gibt es weit und breit keine Relaisstation!“


„Seid leise! Mensch, seid einfach leise!“, zischte Jendrikon.


Es knackte und rauschte in der Leitung, ehe die schwache Stimme einer Frau aus dem Lautsprecher drang: „Hier spricht Asuna S. Miazono von der A3-Patrouille! Geben Sie Ihre Position an und machen Sie Angaben zum Gesundheitszustand aller Betroffenen!“


Die drei Männer starrten fassungslos auf das leuchtende mobiGlas. Sie konnten kaum fassen, was sie da hörten.


„Los! Nenn ihr unsere Position!“, stupste Pike seinen Begleiter an.


„Hallo, A3-Patrouille?“, meldete sich Jendrikon mit zittriger Stimme. „Unsere Position ist der Planet Hurston. Auf direkter Linie zwischen der Dupree-Facility und Trilo! Ungefähr hundert Kilometer von der Dupree-Facility entfernt!“


Erneut knackte es in der Leitung. „Können Sie Ihre Position genauer beschreiben? Ihr mobiGlas-Signal ist zu schwach, als dass wir eine Triangulation durchführen könnten!“, drängte die Frau.


„Unsere Wasservorräte neigen sich dem Ende zu! Die Hitze ist unerbärmlich! Kommt schnell! Wir befinden uns genau auf der Linie zwischen Dupree-Facility und Trilo!“, rief Jendrikon verzweifelt in das Mikrofon.


„Erzähl ihr von dem Wrack der Banu Defender!“, rüttelte Pike an seiner Schulter.


Jendrikon hielt kurz inne und ergänzte hastig: „Wir sind etwa fünf Kilometer vom Wrack einer Banu Defender entfernt! Ebenfalls auf der direkten Linie zwischen Dupree-Facility und Trilo. Das Wrack sollte euch bei der Ortung helfen!“


Zwiebus’ Herz raste wie wild in seiner Brust. Sollten sie wirklich jetzt gerettet sein? Diese ganze verdammte Nummer — mal eben in eine Facility einzudringen, ein paar Komponenten zu klauen und wieder im Schatten zu verschwinden — war ohnehin zu einer völligen Irrfahrt geworden!


Es hatte schon alles danach ausgesehen, als gäbe es keinen Ausweg mehr. Aber jetzt? Mit einem lauten Knacken brach die Funkverbindung ab.


Zwiebus’ Gedanken irrten zwischen Erleichterung und völliger Ungläubigkeit hin und her. „Eine Patrouille?“, fragte er in die Runde. „Kennst du eine Organisation, die sich A3-Patrouille nennt?“


Jendrikon konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „In der Tat! Ein oder zwei Leute von denen kenne ich wirklich.“


„Dann sind wir jetzt also safe?“, wollte Pike wissen.


„Gefunden haben sie uns ja noch nicht. Aber wir können hoffen, denke ich“, lachte Jendrikon. Eine spürbare Erleichterung machte sich bei allen dreien breit.


Es war schier verrückt. Der bloße Gedanke an einen Hoffnungsschimmer ließ die gesamte lebensfeindliche Umwelt, die sie bislang ununterbrochen hatte töten wollen, plötzlich beinahe freundlich erscheinen. Zwiebus trat aus dem Schatten des Felsens heraus. Er dachte nicht einmal daran, seinen Helm aufzusetzen, sondern blickte in die Runde.
„Gibt es hier irgendwo eine spezielle Geländeerhebung?“, fragte er. „Irgendein Merkmal, an dem sich unsere Retter orientieren könnten? Ich sehe so gut wie gar nichts. Es ist ein einziges Einerlei aus kleinen Hügeln, braunem Sand und schwarzem Geröll.“


Pike kletterte behände auf den großen, schwarzen Granitfelsen und sah sich ebenfalls um. „Dort hinten scheint es einen Hügel zu geben, der recht steile Hänge hat. Das ist fast schon ein Alleinstellungsmerkmal für diesen Hügel, würde ich sagen.“


„Ist das die höchste Erhebung hier?“, fragte Zwiebus.


„Ich habe nichts Vergleichbares entdecken können!“, antwortete Pike und hielt sich die Hand vor die Augen, um die gleißende Sonne abzuschirmen.


„Gut! Dann sollten wir genau da hingehen. Ist es weit?“, erkundigte sich Jendrikon und schulterte seinen schweren Tornister. Ohne weiteres Zögern machten sich alle drei auf den Weg. Nach zweieinhalb Tagen strammen Marsches durch diese giftige Wüste schmerzten alle Glieder. Der finale Aufstieg auf den steilen Hügel verlangte den drei Männern schließlich das allerletzte bisschen Kraft ab.


Zwiebus keuchte schwer unter seinem Helm. Jedes Mal, wenn er eine Kuppe erklommen hatte und oben angekommen war, wartete schon der nächste, noch größere Hang auf ihn, der ebenfalls überwunden werden musste. Umso erlöster waren sie, als sie schlussendlich das Plateau erreichten.


Die Sonne hatte ihre Mittagsposition längst verlassen, und die Schatten am Boden wurden glücklicherweise etwas länger. Das Licht färbte sich langsam rötlich und tauchte die braun-ockerfarbene Ödnis in ein glutrotes Glühen, das an das Ende der Welt gemahnte.


„Okay, das ist jetzt also unsere Position“, sagte Jendrikon und warf einen Blick auf sein mobiGlas. „Hier oben kommen die Funksignale meines winzigen Armbandes auch viel besser durch.“


„Haltet Ausschau! Es wird ja wohl noch eine Weile dauern, bis die hier aufkreuzen“, meinte Pike schließlich. „Ich aktiviere mal das Suchlicht an meiner Waffe.“
Pike, der als Einziger ein Sturmgewehr bei sich trug, schaltete die Lampe unter dem Lauf ein. Ein gleißend heller Lichtstrahl schoss augenblicklich in den Abendhimmel. Er schwenkte die Waffe wild hin und her und winkte den beiden anderen zu: „Damit kann man der Patrouille doch hervorragend Leuchtsignale geben! Ich hoffe sehr, dass sie so etwas sehen können.


"Immerhin kommen sie mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit hier angeflogen!“, rief Zwiebus gegen den aufkommenden Wind an.


Die Stunden vergingen zäh, während sich die Sonne immer weiter dem Horizont näherte. Schwarze, schwere Wolken fingen an, sich vor den inzwischen rotglühenden Sonnenball zu schieben. Plötzlich knackte es wieder im Funk. Jendrikon, der sein mobiGlas inzwischen mit den Helmfunkanlagen der anderen gekoppelt hatte, hob rasch die linke Hand.
„Hallo, hier ist die A3-Patrouille! Asuna Miazono spricht“, ertönte die Stimme im Helmlautsprecher. „Wir haben den Orbit von Hurston jetzt erreicht. Wir bräuchten von euch noch einmal die genaue Angabe eurer Position.“


Jendrikon wiederholte geduldig die Koordinaten, die er Frau Miazono bisher mitgeteilt hatte.


„Wir bräuchten außerdem noch Angaben über die Geländeformationen, in denen ihr euch befindet!“, tönte es erneut durch das Rauschen.


Sie standen auf dem Plateau des Hügels und ließen ihre Blicke in alle Richtungen schweifen. Doch enttäuscht mussten sie feststellen, dass in der zunehmenden Dunkelheit kaum noch ein wirklich signifikantes Geländemerkmal zu erkennen war.


„In westlicher Richtung von uns liegt ein Tal oder eine Senke. Sie verläuft nordwestlich!“, rief Jendrikon laut in sein mobiGlas. „Mehr kann ich euch nicht sagen, der Rest ist einfach nicht mehr auszumachen. Inzwischen ist alles dunkel. Nur viele schwarze Felsen, die einzelne, freistehende Brocken sein könnten.“


Jendrikon, Pike und Zwiebus waren angesichts der kurz bevorstehenden Rettung mittlerweile so aufgeregt, dass sie auf dem Plateau umherliefen wie aufgescheuchte Hühner.
„Okay, dann muss das reichen“, knackte es in den Helmlautsprechern. Die Verbindung brach grußlos ab.


Alle drei hatten ihre Helme inzwischen aufgesetzt. Die Helmlampen des Trios vollführten ein hektisches Tänzchen – eine Bewegung, die ein vorbeifliegendes Suchschiff auf diese Distanz eigentlich gut hätte erkennen müssen.


Während sich um die Mittagszeit unter der gleißenden Sonne noch eine bleierne Agonie über sie gelegt hatte, war es nun die schiere Hoffnung, die sie ihre Gliederschmerzen vergessen ließ. Sie alle spürten einen beinahe kindlichen Bewegungsdrang, liefen nervös hin und her, und die Ungeduld war nahezu greifbar.


Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen über den Horizont. Aus den spärlichen Wölkchen des Tages wurden rasch dunkle, drohende Wolkenfronten. Bald würde das letzte Licht gewichen sein. Absolute Dunkelheit hüllte die Umgebung ein. Mitten in der Wüste zeigte sich der Himmel zwar unglaublich offen und weit, doch in der Nacht fing eine allumfassende Finsternis die drei Gefährten ein – konsequenter noch als in den Tiefen des Alls.


Jendrikon und Zwiebus saßen auf einem Felsbrocken und versuchten systematisch, den Horizont abzusuchen. Sie hielten Ausschau nach einem kleinen Punkt am Himmel. Oder nach einem Suchscheinwerfer, der tastend durch die nächtlichen Ebenen fingerte. Oder nach einem Geräusch: dem Grollen und Donnern von Raumschiffstriebwerken, die versuchten, ein mehrere tausend Tonnen schweres Ungetüm in der Schwebe zu halten.


Nichts von beidem war zu erkennen.


Pike, den die Ungeduld kurz vor der Rettung vollständig erfasst hatte, zog Kreise um die anderen. Er setzte die Lampe seines Gewehrs für Lichtsignale ein wie bei Morsezeichen, in der Hoffnung, dass der Scheinwerfer so besser zu erkennen wäre als ein kontinuierlicher Lichtpunkt. Doch auch Pike hatte keinen Erfolg beim Anlocken der Retter.


Es knackte erneut in den Helmlautsprechern. Die vertraute Stimme jener Frau erscholl in den Ohrmuscheln: „Ich brauche noch einmal genauere Angaben. Wir haben jetzt die Linie Dupree-Facility abgeflogen. Wir haben ein Beiboot ausgeschleust und sind jetzt zu zweit unterwegs. Eine Pisces, die von Trilo herkommt, und die Polaris, die von Dupree aus die Linie abfliegt.“


„Habt ihr denn die Defender inzwischen gefunden?“, fragte Jendrikon besorgt.


„Negativ! Wir haben keine Defender gesichtet.“


„Sie muss auf dieser Linie sein!“, rief Jendrikon verzweifelt in sein MobiGlas. „Auf der Linie zwischen Dupree und Trilo!“


„Wir suchen weiter!“, kam die knappe Antwort, ehe die Verbindung erneut abbrach.


Die hell strahlenden Helmlampen der drei Männer waren nun als leuchtende Finger deutlich zu erkennen, erhellten die Umgebung jedoch nur für dreißig Schritt. Zu kurz, um von einem anfliegenden Raumschiff verlässlich entdeckt zu werden. Die Stimmung wandelte sich von der hellen Freude über die bevorstehende Rettung in eine bittere Mischung aus Hoffnung und Resignation.


Als es noch einmal in den Lautsprechern knackte, erklang Asuna Miazonos Stimme: „Wir haben die Senke erreicht, von der ihr gesprochen habt, können aber weit und breit keine Anzeichen von euch entdecken! Bitte schaltet eure Helmlampen ein!“


„Ihr müsstet unsere Helmlampen schon sehen, wenn ihr in der Nähe wärt! Wir sehen nichts von euren Triebwerken und können keine Punkte, weder Leuchten noch Schatten, am Himmel erkennen!“, versuchte Jendrikon der Frau zu erklären.


„Okay, wir müssen unsere Suche dann noch einmal evaluieren“, meinte Miazonos Stimme lapidar. Dann unterbrach die Verbindung.


„Das darf doch nicht wahr sein! Das ist doch ein modernes Rettungsschiff, mit dem die Patrouille unterwegs ist! Die müssen uns doch entdecken können! In dieser Ödnis! Vor allen Dingen die Banu Defender – die ist doch nun wirklich nicht zu übersehen!“, schimpfte Pike und kickte wütend einen Stein durch die Gegend.


„Seid still! Alle still sein!“, unterbrach Pike jäh seine eigene Wuttirade.


Zwiebus und Jendrikon schauten Pike überrascht an und fingen augenblicklich an, den Horizont abzusuchen, der in dieser Dunkelheit kaum noch zu erkennen war. Und tatsächlich: Ein vom Wind unterbrochenes, fernes, dunkles Grollen war zu hören.


„Das müssen die Triebwerke der Polaris sein! Die sind ja noch ewig weit weg, so schwach wie das Geräusch ist! Egal! Wir müssen jetzt hier richtig Zauber veranstalten!“, brüllte Pike, während er mit seiner Helmlampe wild zu blinken begann.


Jendrikon und Zwiebus taten es ihm gleich. Zwiebus kam sich vor wie ein Schiffbrüchiger auf einer einsamen Insel, der winkend und brüllend am Strand hin und her läuft, nur weil er glaubt, auf dem Meer ein Segel entdeckt zu haben – wohl wissend, dass auf eine solche Entfernung Brüllen und Winken überhaupt nichts nützten. Doch genau das taten die drei. Pikes Waffe feuerte wild Salven in die Nacht, in der Hoffnung, dass die leuchtenden Projektile am Himmel von der Besatzung erkannt würden.


Zwiebus hatte das Gefühl, dass dieses Grollen am Horizont an ihnen vorbeiziehen würde. Er war kurz davor, sich den Helm abzureißen, um laut loszubrüllen. Doch dann kam es näher. Zuerst rätselten die drei noch, ob das Geräusch wirklich lauter würde. Schuld daran waren Windböen, die das kontinuierliche Grollen immer wieder unterbrachen. Doch dann setzte sich das dumpfe, dunkle, tiefe Geräusch über dem heulenden Wind durch und füllte kontinuierlich den Himmel über ihnen.


„Da sind sie! Ich kann sie erkennen!“, rief Zwiebus und wedelte wie irre mit den Armen.


Tatsächlich! Ein kleiner schwarzer Punkt war zu erkennen, der langsam größer wurde. Dann kam er immer schneller und rasender auf sie zu und schoss über die drei hinweg.
Das ist doch nicht wahr! Die können doch nicht so blind sein!, durchfuhr es Zwiebus.


Doch nach der schreckhaften Momenten, in denen Zwiebus mit Entsetzen dem wieder kleiner werdenden Punkt hinterherschaute, veränderte sich das Geräusch der Triebwerke. Es wurde wieder lauter! Jetzt schwoll das Getöse deutlich langsamer an als beim ersten Anflug.


„Gott sei Dank! Sie haben es geschnallt!“, rief Pike freudig aus.


Er begann erneut, mit seinem Gewehr wilde Salven in die Luft zu schießen. Jendrikon versuchte, mit seiner Helmlampe im Geröll einen möglichen Landeplatz zu finden und auszuleuchten.


Einige Zeit später standen alle drei mit rasenden Herzen, aber erleichtert über die Rettung, vor einer gigantischen Polaris. Diese war aufgrund ihrer schieren Größe nicht in der Lage, direkt neben ihnen zu landen. Noch im Tiefflug fuhr das Schiff seine Verladerampe aus. Der Pilot der Polaris steuerte so geschickt, dass die Rampe sanft in den Sand des Hügelhanges gedrückt wurde und die drei wie über eine Gangway an Bord gehen konnten. Zwiebus war geradezu euphorisiert.


Jendrikon raunte ihm noch zu: „Lass mich reden! Ich kenne die Leute besser als du. Außerdem sind wir ihnen keine Erklärung schuldig, warum wir hier sind.“


Zwiebus war in seiner Freude über die Rettung allerdings so außer sich, dass er diesen Rat vollständig überhörte. Er ging schnurstracks auf einen der Offiziellen zu, die in dem großen Hangar auf sie warteten, und fing schon an loszuplappern. Er bedankte sich überschwänglich für die Rettung. Auf die natürlich zu erwartende Frage, was die drei denn hier mitten in der Wüste mutterseelenallein zu suchen hatten, antwortete er wahrheitsgemäß, dass sie eine Facility aufgesucht hätten.


Jendrikon unterbrach ihn schroff: „Wir hatten hier einen Auftrag zu erledigen, über den wir jetzt aber schlecht reden können. Danach hatten wir ein Missgeschick, das uns dazu veranlasste, einen langen Fußweg in Kauf zu nehmen!“


„Und das Fahrzeug, mit dem ihr gekommen seid? Was ist damit?“, fragte eine junge, hübsch anzusehende Frau.


Zwiebus versuchte nun, das von ihm erkannte Malheur zu bereinigen: „Das haben wir leider verloren ... die Asgard.“


Er musste sich jedoch erneut jäh von Jendrikon unterbrechen lassen. Jendrikon schaffte es tatsächlich, mit einigen Drehungen, Wendungen und argumentativen Kniffen den Fokus des Gesprächs von der Asgard wegzulenken. So landete Asuna Miazono thematisch schließlich bei der körperlichen Unversehrtheit der Beteiligten: „Okay, dann kommt mal alle mit auf die Krankenstation! Wir checken euch erst mal durch.“


Die drei hatten keine Ahnung, wie sehr sie der lange Marsch über die giftige Welt Hurston mitgenommen hatte. In einem Gänsemarsch ging es los, und alle drei landeten in der Krankenabteilung. Einer nach dem anderen ließ sich von Miazono durchchecken. Es kam bei allen im Wesentlichen das Gleiche heraus: Alle waren überbelastet und vollkommen erschöpft, die Füße übersät von Blasen und wunden Stellen. Also alles gar nicht so schlimm. Marciano drückte jedem eine kleine Tube Wundcreme in die Hand.
Augenzwinkernd teilte sie ihnen mit: „Ihr solltet das Zeug umgehend auf eure Füße pinseln und in den nächsten drei Tagen keine Gewaltmärsche mehr machen. Dann sollte es wieder gehen. Auf Dauer müsst ihr euch aber mal um euren Knorpelaufbau in den Knien kümmern.“


Die Fürsorge dieser jungen Dame beeindruckte Zwiebus sehr. Zudem hatte er die ganze Zeit das Gefühl, diese Person schon zu kennen.


„Ich habe da mal eine Frage“, fing er zaghaft an. „Kann es sein, dass ich Sie schon einmal irgendwo gesehen habe?“


Der aufmerksame Beobachter hätte feststellen können, dass sowohl Pike als auch Jendrikon verbissen die Lippen zusammenhielten.


„Ja, ich meine, schon einmal eine Frau kennengelernt zu haben, die Ihnen verblüffend ähnelte“, stammelte Zwiebus weiter.


Frau Miazono schaute ihn neugierig an: „Dann erzählen Sie mal! Sie haben jetzt meine Aufmerksamkeit.“


„Kann es sein, dass Sie ... äh …“


Miazono zog eine Augenbraue hoch.


„Andersrum!“, unterbrach Zwiebus sich selbst. „Kennen Sie eine Organisation namens Raumnotretter?“


„Selbstverständlich!“, sagte Miazono verwundert.


„Ja… wie soll ich beginnen? Ich war bei denen mal Kunde… Und…“


„Ja was? Und?“, lachte Miazono und wandte sich ab, um auf einer Edelstahlkonsole einige Blutentnahmeröhrchen zu sortieren.


„Sie sehen der Chefin von diesen Raumnotrettern extrem ähnlich!“, platzte es jetzt endlich aus Zwiebus heraus.


„Na kein Wunder! Wir sind ja schließlich verwandt!“, kam die lapidare Antwort der Ärztin, die Zwiebus kaum eines Blickes würdigte.


Zwiebus schluckte die Peinlichkeit herunter, straffte die Schultern und versuchte, Haltung zu bewahren. „Seien Sie doch so nett und grüßen Sie die Nicki Tomo Trikker mal von mir.“


„Die treffe ich bald. Das werde ich tun!“


Irgendwie hatte Zwiebus den Verdacht, gerade eine kleine Show geliefert zu haben. Er drehte sich um und ging zu den anderen beiden zurück, die sich inzwischen im Flur befanden, breit grinsend auf ihn warteten und das Schauspiel genossen hatten.


„Mein lieber alter Mann!“, meinte Jendrikon kopfschüttelnd. „Also die Sache mit den Frauen, mein Lieber…“


„…da ist bei dir noch ziemlich viel Luft nach oben!“, ergänzte Pike lachend und klopfte Zwiebus spöttisch auf die Schulter.


Das war's also, dachte sich Zwiebus grimmig und beschloss, dieser peinlichen Geschichte keinen weiteren Gedanken mehr zu widmen. Die drei Manner folgten dem Gang weiter in die Messe des Kriegsschiffs. Dort wurden sie verpflegt und in beiläufige Smalltalks mit den anderen Besatzungsmitgliedern verwickelt.


Schließlich erreichten sie ihr Ziel: Auf Everus Harbor wurden sie von der mächtigen Polaris abgesetzt. Die drei Männer bedankten sich überschwänglich für ihre Rettung, doch ihre Retter winkten nur ab und bezeichneten den Einsatz als reine Selbstverständlichkeit.


Plötzlich hielt Jendrikon mitten auf dem Landepad inne. Er blieb stehen, wandte sich um und sagte fest: „Ich muss noch einmal an Bord zurück. Ich habe da noch etwas zu erledigen…“


Pike und Zwiebus beobachteten überrascht, wie Jendrikon wieder im Hangar der Polaris verschwand.


„Wir treffen uns dann im Food Court!“, rief Pike ihm hinterher. „Da kannst du uns dann finden!“


„Okay!“, hallte die Antwort aus dem Inneren des Schiffs zurück.


Zwiebus und Pike machten sich auf den Weg durch die geschäftigen Promenaden der Raumstation.


„Jetzt brauche ich erst einmal ein richtig kühles Getränk – und zwar in ausreichenden Mengen!“, lachte Pike.


Sie setzten sich an einen einzeln stehenden Tisch am Rande des Trubels. Endlich trat Ruhe ein. Genüsslich fingen sie an, die Leckereien zu verzehren, die sie kurz zuvor erstanden hatten.


Jetzt, wo Stille einkehrte, die Todesangst der letzten Tage verflogen war und kein akuter Handlungsdruck mehr auf ihnen lastete, kamen in Zwiebus jene Gedanken wieder hoch, die ihn schon seit Längerem plagten.


„Pike, ich habe da mal eine Frage“, sprach er mit vollem Mund, während er kaute.


„Nur raus damit! Um was geht’s?“, antwortete Pike. Der Ex-Sicherheitsmann schob sich gerade einen Bissen eines feurig mit Tevarin-Gewürzen gewürzten Gerichts in den Mund und verzog ob der Schärfe der Soße leicht das Gesicht.


„Was ich wissen wollte… Ich habe da eine Frage zu deiner Vergangenheit.“


„Zwiebus, wenn du ein wichtiges Thema hast, dann sprich es doch einfach an und stammel nicht die ganze Zeit rum!“, spottete Pike grinsend und öffnete mit einem Zischen einen Instant-Shake.


„Es geht um deine Zeit bei HD-Security.“


Pike hielt inne. „Aha!“


„Wie war das damals, wenn ihr mit den Ermittlungen nicht erfolgreich wart? Wenn irgendwann der Ermittlungsdruck anderer Fälle so groß wurde, dass ihr die ursprünglichen Akten nicht mehr weiter bearbeiten konntet? So etwas gab es doch bei euch sicherlich auch, oder?“


„Cold Cases?“, fragte Pike zurück. „Klar gab es die! Die gibt’s doch in allen ermittelnden Abteilungen.“


Zwiebus beugte sich über den Tisch. „Wie seid ihr damit umgegangen? Habt ihr später immer wieder diese Akten geöffnet und noch einmal überprüft? Oder landeten die in so einer Art Giftschrank und wurden nicht mehr angefasst? Also von absolut niemandem mehr?“


Pike stellte seinen Shake ab und blickte ihn nachdenklich an. „Nicht mehr angefasst? Das kann ich dir nicht genau sagen. Auf jeden Fall wurden sie hinter einer recht hohen Sicherheitsfreigabe gesichert.“ Pike hielt inne und zog eine Augenbraue hoch, als er langsam begann, sich über Zwiebus' hartnäckige Fragerei zu wundern.
Pike runzelte die Stirn, unterbrach sein Kauen und wandte sich mit forschendem Blick an sein Gegenüber. „Zwiebus, du schiebst da eine verdammt seltsame Geschichte mit dir herum. Erklär dich mal!“


„Mir geht es darum, wie man wieder an einen Cold Case rankommt, ohne gleich offiziell werden zu müssen“, wehrte Zwiebus seufzend ab. „Ich hatte früher eine Sicherheitsfreigabe auf Levski. Aber alte Fälle offiziell wieder aufzurollen…“


Pike erinnerte sich düster an seine Dienstzeit bei der HD-Security. „Bei uns wurde gar nichts mehr aufgerollt! Da ging es einzig darum, die Ruhe im Karton zu halten!“


„Eine Sicherheitsfreigabe…“, sinnierte Zwiebus vor sich hin. „Ich hatte auch mal eine, aber die ist längst veraltet.“


„Dann besorg dir doch eine neue!“, meinte Pike trocken.


Zwiebus schüttelte jedoch resolut den Kopf. „So einfach ist das nicht. Der Posten des Sicherheitschefs ist inzwischen von jemand anderem besetzt.“ Er machte eine bedeutungsschwere Pause, ehe er leiser fortfuhr: „Es geht um den Leichnam, den ich 2948 in den Katakomben von Levski gefunden habe. Ich will diese Akte unbedingt wieder öffnen. Ich glaube, damals wurde richtig was vertuscht – und in der Akte ist auch von einem anderem unbekannten Typen die Rede, mit dem der Tote öfter´s Kontakt gehabt haben soll. Ich werde das seltsame Gefühl nicht los, das Zero dieser Unbekannte ist.“


„Mein lieber Mann, jetzt machst du aber ein gewaltiges Fass auf! Ist dir das eigentlich klar?“, warnte Pike eindringlich.


„Ich weiß! Mir geht es keineswegs darum, Zero eins reinzudrücken, sondern diese alte Geschichte endlich abzuschließen“, betonte Zwiebus. „Ich werde auf jeden Fall persönlich mit Zero darüber sprechen! Aber ich brauche dafür eine gültige Sicherheitsfreigabe – und die neue Sicherheitschefin kennt mich nicht. Ich war damals nur ein einfacher Contractor der Levski Security. Eine Akte gibt es dort gar nicht über mich. Ich bekomme auf legalem Weg definitiv keine Freigabe mehr.“


„Hallo, ihr zwei!“, tönte es plötzlich lautstark aus dem Hintergrund. Jendrikon trat heran und setzte sich mit Schwung zu ihnen an den Tisch. „Wird langsam Zeit für den Flug nach Nyx.“


„Wir besprechen hier nur noch kurz etwas“, antwortete Zwiebus knapp.


Pike knüpfte umgehend wieder an den Faden an: „Dieser Weg ist also dicht. Und nun, Zwiebus? Wo komme ich da eigentlich ins Spiel?“


„Du hast doch von Merrick erzählt, deinem Ex-Kollegen bei der Hurston-Security.“


„Was soll der da bitte richten?“, fragte Pike äußerst skeptisch.


„Kann Merrick nicht irgendwie eine Sicherheitsfreigabe bei der Levski-Security bekommen?“, wollte Zwiebus wissen. „Er kennt die Abläufe von Sicherheitsabteilungen, und die suchen dort ohnehin immer Verstärkung.“


Jendrikon schaltete sich vorausschauend ein und wandte sich an Pike: „Merrick ist doch zumindest ein unbeschriebenes Blatt auf Levski. Ist er nicht mit Dir zusammen auf Levski angekommen?.“


„Genau!“, rief Zwiebus aus. „Ich hatte damals mächtigen Stress mit dem alten Sicherheitschef Cabassa. Das blockiert mich dort für immer.“


„Wenn Merrick sich geschickt anstellt, könnte er wirklich an die verstaubte Akte gelangen“, vermutete Jendrikon gedankenvoll.


Pike, der seinen alten Kameraden Merrick vor unnötiger Gefahr schützen wollte, seufzte schwer. „Na gut, ich kann ihn fragen, aber versprechen tue ich rein gar nichts.“


„Versuch es einfach! Bitte!“, bat Zwiebus mit Dringlichkeit in der Stimme.


„Okay, ich versuche es. Aber mach dir bloß keine allzu großen Hoffnungen.“


Damit gab sich Zwiebus fürs Erste zufrieden. Das Gespräch ging rasch in allgemeine Themen über, bis Jendrikon schließlich aufstand und rief: „So, Leute! In einer halben Stunde gehen wir an Bord, Richtung Nyx.“


„Leute, da wäre noch etwas“, räusperte sich Zwiebus verlegen. Er trat von einem Fuß auf den anderen und fuhr fort: „Da ist ja noch die Sache mit meinem Schiff.“


Die anderen kamen abrupt zum Stehen. Pike hielt inne und sah Zwiebus neugierig an.


„Na ja“, gab Zwiebus zu bedenken, „das Schiff muss ja schließlich wieder zurück. Ich will es ja wiederhaben! Aber wir müssen erst einmal herausfinden, wo die Anthony Tanaka jetzt eigentlich steckt.“


Pike grinste schief und zog eine Augenbraue hoch. „Ich vermute mal irgendwo bei HD Security. Die werden das Ding beschlagnahmt haben.“


„Steht die dann in Lorville?“, fragte Zwiebus skeptisch.


„Vermutlich irgendwo zwischen den Industrieanlagen“, antwortete Pike und verschränkte die Arme. „Da gibt es Plätze, wo beschlagnahmte Raumschiffe zwischengeparkt werden. Das machen die seltsamerweise nicht direkt am Raumhafen.“


Zwiebus sah ihn hoffnungsvoll an. „Hättest du irgendwie die Möglichkeit herauszufinden, wo genau die Asgard stehen könnte?“


Pike stöhnte auf und schnaubte amüsiert. „Ha! Mein Lieber, da sind wir wieder bei dem alten Problem mit den Sicherheitsfreigaben! Auch meine Sicherheitsfreigabe, die ich hier mal hatte, ist vollkommen veraltet. Und eine neue werde ich garantiert nicht kriegen! Niemals!“


„Und ohne Sicherheitsfreigabe ist nichts möglich, oder?“, vergewisserte sich Zwiebus enttäuscht.


Jendrikon trat vor, während sich ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete. „Gut, so etwas lässt sich immer hacken, wenn man einen findet, der das kann. Wir kennen da auch jemanden!“


Pike raunte düster vor sich hin: „Gut, dann hoffen wir, dass Zero mal wieder auftaucht. Für Zero waren die Sicherheitsfreigaben damals ja auch kein riesiges Ding, als wir die schockgefrosteten Flüchtlinge von Lorville nach Levski brachten.“


„Ach, die Tour, bei der Alaska mit dabei war?“, hakte Zwiebus nach.


„Genau!“, rief Pike aus. „Zero hat bei dieser Sache ziemlich gute Arbeit geleistet. Er konnte nicht nur sehr schnell Kontakt zum Untergrund in Lorville herstellen, er konnte meine Einträge und auch die von Merrick komplett aus dem System der HD Security tilgen. Wenn einer herausfindet, wo dein Schiff ist, dann wird es wohl Zero sein.“


Erleichterung machte sich auf Zwiebus’ Gesicht breit. Die Anthony Tanaka, Zwiebus’ Asgard, war zwar erst einmal weg, doch Zero eröffnete ihnen zumindest eine reale Chance, das Schiff wiederzuerlangen. Bis dahin würde Zwiebus wohl mit seinem kleineren Schiff, der Shiv, vorliebnehmen müssen. Größere Frachtaufträge innerhalb von Nyx zu fliegen war ohne ein vernünftiges Frachtschiff unmöglich geworden, doch für kleinere Frachtlieferungen reichte die Shiv vorerst aus.


„Ich hoffe, dass er bald mal wieder auftaucht“, murmelte Zwiebus vor sich hin.


Pike nickte ihm zuversichtlich zu. „Wird er, Zwiebus. Keine Sorge, das wird er.“


„So Leute!“, rief Jendrikon plötzlich dazwischen und klatschte laut in die Hände. „Jetzt wird es aber wirklich Zeit. Wir müssen zurück nach Nyx!“


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