Zwiebus´Logbuch / 11.09.2956 SEY / Auf der Suche nach der ´Anthony Tanaka´ / Teil 1
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Lord_Zwiebus -
27. September 2026 um 19:52 -
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Everus Harbor. Die Raumstation schwebte stumm in ihrer stationären Umlaufbahn über der verdreckten, verkommenen Megacity Lorville. Zwiebus verzog das Gesicht, als er tief in einen völlig überwürzten Burrito biss. Seit drei Tagen hing er nun schon auf dieser Station fest.
Everus Harbor war das Tor zum Planeten Hurston – oder wie Zwiebus zu sagen pflegte: der Vorhof zur Hölle. Er hegte eine tief sitzende Antipathie gegen die Hurston-Familie. Die Dynastie besaß diesen Himmelskörper nicht nur, sie hatte ihn im Laufe ihrer jahrzehntelangen Verwaltung auch in eine einzige, qualmende Kloake verwandelt.
Wochen waren vergangen, seit er mit Pike und Jendrikon das Stanton-System hatte verlassen müssen. Damals hatten sie sein eigenes Raumschiff zurücklassen müssen, die Anthony Tanaka – eine Anvil Asgard. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatten die Truppen der Hurston Security das Schiff längst beschlagnahmt. Zwiebus hatte es bei einer halsbrecherischen Aktion in einer der vielen Industrieanlagen auf der Oberfläche verloren. Die drei Männer hatten sich anschließend in einem gnadenlosen Fußmarsch durch die glühende Wüste des verseuchten Planeten quälen müssen, ehe sie in letzter Sekunde von einer Frau namens Asuna S. Miazono gerettet worden waren.
Doch die Asgard blieb verschollen.
Zwiebus hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er wollte auf Everus Harbor mit den Dockarbeitern ins Gespräch kommen. Womöglich wusste einer von ihnen etwas über den Verbleib beschlagnahmter Schiffe. Er wusste genau, wie gut informiert die Schauerleute auf Levski stets waren, und er nahm an, dass es sich bei den Arbeitern von Hurston Dynamics kaum anders verhielt.
Sein Blick wanderte zum Bedienfeld eines Aufzugs. „Frachtzentrum“, leuchtete es in mattem Grün auf. Die Kabine brachte ihn augenblicklich in den riesigen Logistikbereich der Station. Ein geschäftiges Treiben schlug ihm entgegen. Unzählige Arbeiter in den markanten HD-Uniformen und andere raumfahrende Besucher drängten durcheinander. Ein dichtes Stimmengewirr erfüllte die Halle, untermalt vom Surren und Fiepen massiver Elektromotoren, die Container verriegelten oder Ladung verzurrten. Von der Hallendecke sprühten Schweißfunken herab. Es sah aus wie in jedem Frachtzentrum und Logistikknotenpunkt, den Zwiebus bisher im Verse gesehen hatte.
Zuvor war er bereits im Administration Center der Station vorstellig geworden, doch dort hatte man ihn abblitzen lassen. Mit professioneller Gleichgültigkeit hatte ihn ein aalglatter Bürokrat abgespeist. Eigentlich klar, dachte Zwiebus verbittert. Diese gelackmeierten Büttel von Archibald Hurston helfen doch keinem weiter. Die blinde Loyalität der Konzernangestellten war hinreichend bekannt. Doch bei den Dockarbeitern rechnete er sich bessere Chancen aus. Sie begehrten immer wieder gegen die miesen Arbeitsbedingungen auf, die der Konzern ihnen aufzwang.
Zwiebus trat an einen kleinen Verkaufsstand von Greycat Tools und ließ den Blick schweifen. Er entdeckte einen Typen mit gewagtem Irokesenschnitt und gelber Dynamics-Uniform, der schmatzend auf einer Kiste saß und sein Pausenbrot verzehrte. Zwiebus sprach ihn an und schilderte seine Lage.
„So, mein Lieber“, meinte der Arbeiter grinsend, nachdem Zwiebus geendet hatte. „Du vermisst also deine Asgard und willst von mir wissen, wo dein Kahn abgeblieben ist?“ Der Mann machte eine abfällige Handbewegung und spuckte einen harten Brotkanten in die Ecke. „Wie kommst du auf die Idee, dass ich so was weiß? Es ist Sache der Security, Schiffe einzusammeln und wieder freizugeben.“
„Ich will doch gar nicht, dass du mir das Schiff besorgst“, raunte Zwiebus und trat einen Schritt näher. „Ich brauche nur Informationen, damit ich weitersuchen kann. Irgendwas, das mich meinem Ziel näher bringt. Dass du nicht den exakten Stellplatz kennst, ist mir schon klar.“
„Na ja, und die Jungs von der HD Security werden dir garantiert nicht freiwillig helfen, was?“, lachte der Irokese. Er zog seine Sonnenbrille ein Stück herab und blickte amüsiert über den Rand hinweg in Zwiebus’ verärgertes Gesicht.
„Ihr Dockarbeiter kriegt so was doch mit!“, insistierte Zwiebus drängend. „Ihr werdet doch sicherlich dazu geholt, wenn solche Pötte wieder flottgemacht werden müssen. Ich brauche nur einen kleinen Tipp. Einen Ort, einen Hinweis! Und schon bist du mich wieder los.“
Der Mann mit dem Irokesen schwieg kurz und rieb sich das Kinn. „Na ja... Ist ’ne Weile her, aber ich war tatsächlich mal bei so was dabei.“
„Beim Aufbereiten von beschlagnahmten Schiffen?“, bohrte Zwiebus sofort nach.
„Kommt ganz auf die Größe an“, wiegte der Arbeiter den Kopf. „Wenn du wirklich ’ne Asgard suchst, steht die ganz sicher nicht unten auf dem zivilen Raumhafen.“
„Und wo dann bitte?“, Zwiebus wurde langsam ungeduldig.
„Na, verteilt um die ganze Stadt herum. Meistens in der Nähe der Gates, die aus dem Umland nach Lorville führen.“
Zwiebus, der sich in den Häuserschluchten von Lorville weiß Gott nicht auskannte, runzelte die Stirn. „Werd genauer, Mann! Was für Gates meinst du?“
„Du kennst dich ja überhaupt nicht aus!“, spuckte der Mann abfällig aus. „Die ganze Stadt ist aus dem Ödland heraus über riesige Eingangstore zu erreichen. Es gibt diverse Fabriken außerhalb von Lorville, und die müssen versorgt werden. Die haben oft keine eigenen Landepads, also läuft das meiste über Rover.“
„Aha. Und wie soll ich so ein Gate finden?“
„Meine Güte! Muss ich dir auch noch das Gehen beibringen?“, fragte der Dockarbeiter genervt und ließ den Blick über das Frachtdeck schweifen. „Die Perimeter Line! Die verbindet alle Gates miteinander.“
„Okay... danke“, antwortete Zwiebus leise.
„So, Mann! Und jetzt schaff ich weiter. Solltest du auch tun. Du hast zwar ’nen hübschen HD-Anzug an, aber der nützt dir gar nichts, wenn du hier so auffällig herumschnüffelst. Siehst viel zu adrett aus in deinem neu gekauften Hurston Dynamics Mechanikeranzug.“
Der Arbeiter stand auf und ging wortlos davon. Zwiebus setzte sich seinerseits auf die Kiste und grübelte. Verdammt, wie viele von diesen Gates gibt es wohl in Lorville? Wenn das die offiziellen Tore in diese abgesicherte Stadt sind, steht an jedem einzelnen Tor ein Kontingent der Hurston Security. Das würde die Sache verdammt knifflig machen.
Zwiebus stand auf und wollte das Frachtzentrum gerade verlassen, als sein mobiGlas vibrierte.
Oh! Zero und Pike sind angekommen!, durchfuhr es ihn. Er nahm den Ruf rasch entgegen. „Pike! Hallo Zero! Wie sieht’s aus? Ihr habt euch ja ganz schön Zeit gelassen.“
Es knackte kurz in der Leitung, ehe Zeros Stimme ertönte: „Wir sind schon hier an Bord der Station.“
„Ihr findet mich im Frachtzentrum“, wies Zwiebus sie an. „Ich trage einen HD-Overall. Nicht, dass ihr beiden Vögel einfach an mir vorbeirennt.“
„Alles klar“, kam die kurze Rückmeldung.
Wenig später erblickte Zwiebus zwei vertraute Gesichter im Getümmel. Es waren Pike und Zero, mit denen er sich hier verabredet hatte.
„Hallo Pike!“, freute sich Zwiebus. „Hast du Merrick kontaktieren können?“
„Ja, habe ich“, kam die knappe Antwort von Pike.
„Was ist jetzt eigentlich mit deinem Schiff?“, schaltete sich Zero ein. „Du meintest, du bräuchtest einen Hacker, um es wiederzufinden?“
„Zero, ich wäre einfach superglücklich, wenn du den Standort der Anthony Tanaka lokalisieren könntest“, meinte Zwiebus ernst. „Ich hoffe, Pike hat dir von unserem etwas missglückten Ausflug mit anschließender Rettung erzählt. Dabei habe ich die Tanaka nämlich verloren.“
„Ja, die Geschichte kenne ich“, grinste Zero.
„Gut, dann spar dir bitte jeden Kommentar“, lachte Zwiebus gequält. „Ich habe von einem der Dockarbeiter erfahren, dass die Security beschlagnahmte Schiffe meist an den Gates von Lorville abstellt. Da müssten wir im Grunde ansetzen.“
„Du weißt aber schon, dass Lorville eine verdammt große Stadt ist, Zwiebus?“, warf Pike ein. „Von diesen Gates gibt es einige. Wenn wir die alle abklappern wollen, sind wir ein halbes Jahr beschäftigt. Außerdem wimmelt es dort von Mitgliedern meines ehemaligen Arbeitgebers.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, entgegnete Zwiebus. „Und genau da kommt hoffentlich Zero ins Spiel.“ Er wandte sich um und sah dem IT-Spezialisten in die Augen. „Du kannst mir mit deinen Fähigkeiten da doch mit Sicherheit weiterhelfen, oder?“
„Wir brauchen nur das richtige Terminal und eine Möglichkeit für mich, unbemerkt dranzukommen“, nickte Zero. „Dann sollte ich herausfinden können, an welchem dieser Gates deine Asgard steht.“
„Das richtige Terminal werde ich schon für dich auftreiben können“, ergänzte Pike zuversichtlich.
„Also kriegen wir erst unten am Boden heraus, wo wir suchen müssen?“, vergewisserte sich Zwiebus.
„So sieht’s aus. Wir müssen runter nach Lorville, um überhaupt weitermachen zu können“, antwortete Zero mit einem düsteren Unterton.
Die drei hatten sich inzwischen aus dem Frachtbereich hinausbegeben und standen unten in der Nähe der Abflugterminals an einem Burrito-Stand.
„Sag mal, Pike“, griff Zwiebus das Thema wieder auf. „Was ist denn nun mit Merrick? Hast du ihn erreicht?“
„Ja, habe ich“, antwortete Pike, blieb dabei jedoch merkwürdig kurz angebunden.
„Okay... Und wie geht’s weiter?“, fragte Zwiebus irritiert.
„Ich bin dran, das muss reichen“, schnauzte Pike kurz angebunden, warf die Folie seines Burritos in den Abfall und fügte hinzu: „Ich habe noch was in der Klinik zu erledigen. Bin mal für eine Weile weg.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sich Pike um und steuerte auf die Med-Station von Everus Harbor zu. Zwiebus blickte ihm verwundert nach.
„Okay!“, sprach Zero ihn an. „Lass uns erst mal die eine Sache abarbeiten, bevor wir uns um die nächste kümmern.“
„Also zuerst das Schiff!“, fiel ihm Zwiebus ins Wort.
„Genau, zuerst das Schiff. Deshalb bin ich ja hier. Wenn wir uns diesen Gates nähern und nicht auffallen wollen, brauchen wir Arbeitskleidung von Hurston-Mitarbeitern. So etwas Ähnliches, wie du da anhast.“
„Na gut, dann noch mal rauf zum Frachtdeck. Dort gibt es einen Laden für Berufsbekleidung“, meinte Zwiebus und bezahlte sein Getränk.
Wieder im Frachtbereich angekommen, begaben sich die beiden schnurstracks zum Verkaufsterminal eines Ausrüsters. Zero tippte auf dem Display herum und erwarb eine robuste Arbeitsjacke nebst Arbeitshose.
„Wir wollen uns da unten ja frei bewegen können“, grinste er.
Zero war noch in das Angebot vertieft, als plötzlich eine laute, schnarrende Stimme hinter ihnen ertönte: „Die Herren! Folgen Sie mir.“
Zwiebus und Zero wirbelten herum. Sie blickten in das Gesicht eines Mannes, der in seinem gesamten Auftreten wie ein Abteilungsleiter des verhassten Hurston-Konzerns aussah. Die Haare waren streng zurückgekämmt, der Oberlippenbart saß so akkurat, wie ihn nur Kerle von den Sicherheitsdiensten trugen. Dazu trug er einen repräsentativen Mantel, dem man sofort ansah, dass er aus der gehobenen Linie von Casaba stammte.
Nichts von der Stange, dachte Zwiebus betreten. Teurer als alles, was ich mir jemals leisten könnte.
Der Fremde musterte die beiden bestimmt. „Ich habe kein Interesse an Mithörern. Lassen Sie uns hier hinten zwischen die Regale gehen.“
Er drehte sich um und steuerte zielstrebig einen dunklen Winkel zwischen zwei Hochregalen an. Zwiebus sah Zero völlig irritiert an. „Sollen wir da jetzt mitgehen? Einfach so?“
„Hier auf dem Deck ist so viel los, da passiert schon nichts“, beruhigte Zero den alten Mann von Levski. „Außerdem bin ich neugierig. Wie sagt man so schön? Er hat jetzt meine Aufmerksamkeit.“
Die beiden folgten dem Unbekannten. In einer Nische zwischen den gigantischen Hochregalen wartete der Mann bereits. Er kam ohne Umschweife zur Sache. „Mein Name ist Merrick. Und ich habe einem von Ihnen beiden einen Datenträger zu übergeben.“
„Ach, Sie sind Merrick!“, rief Zwiebus überrascht aus. „Ich war es, der versucht hat, Sie zu kontaktieren! Über Pike!“
„Das mag sein. Das, was ich für Sie habe, ist eine Originalakte der Levski-Security. Warten Sie, bis Sie Pike wiedersehen. Er wird Ihnen die Datei dann geben.“ Der Fremde ging ein paar Schritte zurück und drehte sich noch mal zu den beiden um, und räusperte sich: „Ich erwarte von Ihnen eine Gegenleistung für meinen „Datenservice“! In ihrem Frachthangar befindet sich inzwischen ein Kontingent Dissidenten - Flüchtlinge, die wie üblich in Cryopods, auf ihre Abreise nach Levski warten. Es ist ein recht grosses Kontingent. Ich gehe davon aus, das sie wissen, was damit zu tun ist!“
Der Fremde wartete keine Antwort ab. Er setzte sich sofort wieder in Bewegung, um die schummrige Ecke zu verlassen. „Folgen Sie mir erst mit etwas Abstand!“, wies er sie noch an.
Einen Augenblick später war er im Durcheinander auf dem Frachtdeck verschwunden. Zero und Zwiebus versuchten ebenfalls, sich unter die arbeitende Menge zu mischen, um nicht weiter aufzufallen.
„Was war das denn bitte?“, wunderte sich Zwiebus mit gedämpfter Stimme.
„So was nennt man wohl die Anbahnung einer Übergabe von heiklem Material“, antwortete Zero bedeutungsschwer. „Wenn das wirklich Merrick war und er ein Bediensteter der Hurston Security gewesen ist, der hier genauso gesucht wird wie Pike, dann wundert mich diese umständliche Art überhaupt nicht. Er will vermutlich auf keinen Fall dabei gesehen werden, wie er einem Fremden etwas zusteckt. Pike und Merrick haben sich vorhin wohl in der Klinik getroffen und dort die eigentliche Übergabe gemacht.“
„Na, da bin ich ja mal gespannt“, raunte Zwiebus vor sich hin. „Eine ziemlich imposante Erscheinung war er auf jeden Fall, dieser Merrick.“
Zero und Zwiebus machten sich auf den Weg um Pike in der Klinik zu treffen. Doch gerade als sie zum Aufzug marschierten, öffnete sich die Tür und Pike kam ihnen entgegen.
„Na Pike? So schnell schon genesen?“, scherzte Zwiebus.
„Kommt mit!“, sagte dieser gepresst. „Merrick hat mir etwas zugesteckt, was ich Dir übergeben möchte. Das machen wir aber nicht hier in der Öffentlichkeit.“
„Ein belebter Ort ist dafür doch eigentlich immer ganz gut“, sagte Zwiebus.
„Nein, ich weiß was Besseres“, antwortete Pike bestimmt. „Folgt mir einfach!“
In einem bestimmenden Ton fuhr er fort: „In meiner Zeit als HD Security Mitarbeiter habe ich diverse dieser kleinen illegalen Orte ausgehoben. Es gibt unzählige davon.“
Pike hatte inzwischen einen ziemlichen Zahn zugelegt, und Zwiebus und Zero eilten Ihm hinterher. „Von was für Orten redest du denn?“, fragte Zwiebus etwas kurzatmig.
„Auf fast jedem Frachtdeck gibt es so ein kleines illegales Gewerkschaftscafé. Zumindest nennen die DocArbeiter diese Ansammlungen von Bierkisten und Sofas, die meist zwischen irgendwelchen Containern errichtet wurden, so.“
„Ach, und an diesen Orten brauen sich dann die kleineren Proteste zusammen, und du hast die dann ausgeräuchert?“
„Nicht ausgeräuchert! Ich habe sie beobachtet. Aber für uns sind diese Orte jetzt sehr gut, da sie abgelegen und zwischen den alten Containern auch ziemlich abhörsicher sind.“
Die drei betraten einen Zwischenraum, der durch einen aufgelassenen Container entstanden war. Ein paar abgewetzte Sofas und Sessel standen herum, angebrochene Kisten mit Schmolz-Flaschen drin. Sogar ein kleiner Spielautomat piepte vor sich hin.
„Ein richtig kleines Wohlfühl-Refugium inmitten dieses ganzen Frachthallenlärms“, sagte Zwiebus schmunzelnd und ließ sich in eines der abgewetzten Polster fallen. Pike wühlte in seinen Taschen und förderte einen altertümlichen Datenspeicher zutage.
Pike raunte verschwörerisch: „Das hier, lieber Zwiebus, zumindest sagt Merrick das, ist die Akte, die du benötigst.“
„Die Akte aus Levski!“, sagte Zwiebus erfreut und nahm den etwas klobigen Gegenstand entgegen. „So ein uralter Speicherblock! Gibt's so etwas überhaupt noch? Gibt es da überhaupt Geräte, die so ein Relikt noch auslesen können?“
„Ich werde das schon noch hinkriegen“, brummte Zero und grinste anschließend gewinnend. Nach einer kurzen Pause sagte er: „Schön! Dann denke ich, dass wir das Auslesen dieses Datenspeichers erst mal verschieben und uns um die Fracht kümmern, die Lorville so dringend verlassen muss.“
„Und natürlich meine Asgard!“, ergänzte Zwiebus.
Vor dem Aufbruch nach Lorville machten sich die drei auf den Weg in Zeros großen Hangar, der mit einer Ironclad fast vollständig ausgefüllt war. Ehrfurchtsvoll schaute Zwiebus an diesem gigantischen „Bauwerk“ von Schiff hoch. „Ich habe dich ja doch eher als einen im Verborgenen Arbeitenden in Erinnerung. Aber mit dem Tanker hier kannst du nur ganz offiziell irgendwo anlegen, oder?“, fragte Zwiebus und schaute Zero neugierig dabei an.
„Auch damit kann ich unauffällig reisen, wenn ich will“, kam die Antwort kurz und bündig.
Der Flug von Everus Harbor nach Lorville hinunter, verlief erwartungsgemäß völlig unspektakulär. Irgendwie hatte Zero es geschafft, sich als offiziellen Frachtflug ausgeben zu können, sodass er auch mit seiner riesigen Ironclad auf dem Raumhafen von Lorville nicht die geringste Aufmerksamkeit erregte.
Beim Verlassen des Hangars in Lorville sagte Zero: „Ich muss noch einen Besuch bei New Deal machen. Ich habe noch vor, mir ein kleines Beiboot für die Ironclad zu kaufen. Eine kleine Golem. Außerdem kann man an dem Terminal von New Deal erstaunlicherweise feststellen, welche Schiffe noch ausstehen, die nicht unter New Deals Verantwortung fallen.“
„Die Schiffe, die die Security beschlagnahmt hat?“, fragte Zwiebus.
„Genau die meine ich“, antwortete Zero. „Diese beschlagnahmten Schiffe werden auch irgendwann zum Verkauf stehen. Sie stehen in den offiziellen Verkaufslisten des Raumhafens als vorgemerkt an. Meistens stehen sie dann dort auch mit aktuellem Standort.“
Zwiebus berichtete: „Die DocArbeiter auf Everus Harbor waren der Ansicht, dass beschlagnahmte Schiffe meistens an den offiziellen Gates rund um Lorville geparkt werden. Versuche deine Suche dann erst mal auf diese Orte zu beschränken. Das beschleunigt die ganze Geschichte doch sicherlich.“
Zero, Pike und Zwiebus liefen den langen Weg durch das Raumhafen-Terminal bis zum Schiffshändler New Deal.
„Komm, Zwiebus!“, rief Pike, während Zero sich umschaute, was New Deal Schickes in ihrer Verkaufshalle stehen hatte.
„Ja, ich komme mit!“, knurrte Zwiebus etwas widerwillig. Direkt am Anfang der großen Ausstellungshalle war ein Schiff zu sehen, welches erst seit kurzer Zeit in den Showroom eingezogen sein musste. Es war eine RSI Constellation Phoenix – die Luxusvariante dieses Raumschiffklassikers.
„Da war ich noch nie drin!“, rief Pike und machte sich auf den Weg, das luxuriöse Schiff zu entern. Zero, der inzwischen zu den beiden wieder aufgeschlossen hatte, konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, als er die anderen beiden sah, die staunend vor der luxuriösen Pracht der Phoenix standen.
„Eine 890 Jump für arme Leute, oder was?“, lästerte Zwiebus süffisant.
„So in der Art. Nur ganz so arm dürfen diese Leute auch nicht sein“, lachte Pike. Er fügte hinzu: „Was ich immer schon wollte, ist, den Whirlpool hier auszuprobieren!“
„Geht der Spieltrieb mit dir durch?“, fragte Zwiebus ungläubig.
Zero nickte jedoch zustimmend. „Ja, lass uns da mal reingehen. Mich interessiert so ein unnützer Luxus auch ein wenig.“ Er wandte sich an Zwiebus und ergänzte beruhigend: „Und Zwiebus, mach dir keine Sorgen, dass das jetzt alles zu lange dauert. Ich habe dein Schiff lokalisieren können. Es steht an Gate Nr. Sechs. So haben wir noch ein wenig Muße, um ein Bad zu nehmen.“
„Wir springen da jetzt alle rein? Oder wie soll ich mir das jetzt vorstellen?“, wunderte sich Zwiebus.
Er beobachtete Pike dabei, wie dieser sich im Handumdrehen seiner Kleidung entledigte, um mit einem vergnügten Aufschrei eine satte Arschbombe in den Whirlpool zu machen.
Ach, wie ein kleines Kind! Endlich wieder glücklich!, dachte Zwiebus bei sich und vergaß für einen kurzen Moment den eigentlichen Grund für seine Anwesenheit auf dem für ihn immer noch sehr ungastlichen Planeten Hurston.
Zero und Zwiebus entledigten sich schließlich ihrer Ausrüstung. Die drei erwachsenen Männer planschten in dem Whirlpool wie kleine Kinder herum. Sie setzten dabei fast den halben Luxusbereich der Phoenix unter Wasser.
Tja, das sind die Dinge, die das Leben lebenswert machen!, dachte sich Zwiebus, der sich insgeheim schon über dieses kleine, spontane Intermezzo freute. Dennoch dauerte es nicht lange, bis sich der Grund für ihren Flug nach Lorville wieder in den Vordergrund drängte. Sie zogen ihre Sachen wieder an und verließen, immer noch lachend und herumalbernd, das Luxusrefugium.
Eine gute Sache war es auf jeden Fall gewesen: Die drei waren nicht mehr so angespannt und fielen dadurch auch nicht so fremdkörperartig im Raumhafen auf.
...es geht weiter im Teil 2