Zwiebus´Logbuch / 26.10.2956 SEY / weitere Stecknadeln in Levski
-
Lord_Zwiebus -
26. Oktober 2026 um 15:45 -
18 Mal gelesen
Zwiebus´Logbuch / 26.10.2956 SEY / weitere Stecknadeln in Levski
Die Lichter des Cafe Musain flackerten rhythmisch in der Halle des Grand Barter Market. Der kühle, leicht metallische Geruch von aufbereitetem Sauerstoff lag wie eine ständige Erinnerung über Levski: Delamar war kein Ort für Komfort, sondern ein Zufluchtsort für jene, die von der UEE vergessen werden wollten – oder mussten.
Zwiebus passte den Riemen seiner abgewetzten Panzerung an, während seine Stiefel über den Gitterboden des AdminCenters knirschten. Die Geräuschkulisse aus dem entfernten Dröhnen der Lebenserhaltungssysteme und den gedämpften Gesprächen der Bergleute hüllte die Szenerie in ein vertrautes, schweres Grundrauschen. Das war der Sound von Levski.
Sein Blick wanderte über die Terminals der AdminCenters, wo Frachtlisten und Abgabebelege verarbeitet wurden. An einem der, mit Kratzern übersäten Terminals stand eine Gestalt, deren Haltung Zwiebus augenblicklich in die Vergangenheit zurückwarf: aufgerichtete Schultern, die linke Hand stets nahe an einer Waffe, die Stirn in tiefe Falten gelegt.
Zwiebus blieb stehen. „Ich glaub’s ja nicht… Siegmund?“
Der Mann an dem Pult blickte auf. Die Schläfen waren grau geworden, die Augen trugen die Müdigkeit unzähliger Nachtschichten, aber der Blick schärfte sich augenblicklich. Siegmund ließ den Datapad liegen, den er gerade ausgewertet hatte.
„Zwiebus?“ Siegmunds Augen weiteten sich vor Erstaunen. Ein seltenes, breites Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Verdammte Scheiße, Zwiebus! Was machst du denn nach so langer Zeit hier?“
Siegmund schnappte seine Dienstwaffe, drehte sich um und trat auf ihn zu. Die beiden Männer umarmten sich.
„Ich könnte dich dasselbe fragen, Deputy“, sagte Zwiebus mit einem Grinsen. „Ich dachte, du hättest der Levski-Security den Rücken gekehrt und genießt irgendwo deinen Ruhestand.“
„Ruhestand? Schön wär’s“, lachte Siegmund rau und schüttelte den Kopf. „Mit der Versorgung, die die People’s Alliance für Sicherheitskräfte aufbringt, reichts höchstens für synthetische Suppe und ein Stehbett in den unteren Ebenen. Ich hänge hier fest, passe auf, dass die Gangs sich nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen oder den Abfallschacht blockieren. Und du? Wieder auf eigene Rechnung unterwegs?“
„Du kennst mich. Ein bisschen Frachtschubsen, gelegentlich Escort-Jobs im Nyx-System. Man kommt über die Runden“, antwortete Zwiebus. Er blickte sich kurz um. „Aber sag mal… wenn du hier die Aufsicht führst… gibt es da draußen eigentlich immer noch die alten Strukturen? Steht der Stuhl im Obergeschoss immer noch unter derselben Fuchtel?“
Siegmunds Grinsen verschwand augenblicklich. Seine Augen verengten sich leicht, und er warf einen kurzen, prüfenden Blick zu den anderen Pulten des Admin Centers, bevor er sich etwas näher zu Zwiebus neigte.
„Du spielst auf Cabassa an, nicht wahr? Oron Cabassa.“
Bei dem Namen verzog Zwiebus das Gesicht, als hätte er auf einen Streifen Altmetall gebissen. Er wusste, dass er jetzt dick auftragen musste um seinen Ex-Kollegen zu mehr Gesprächigkeit zu bewegen. „Dieser elende Bürokraten-Tyrann. Du weißt gar nicht, wie oft ich in den letzten Jahren an unsere Zeit als Deputies zurückdenken musste. Was der uns Schikanen reingedrückt hat… Aktenberge wegen verpatzter Patrouillen, gestrichene Solde für kleinste Protokollfehler. Ich frage mich heute noch, wie wir beide unter diesem Kerl arbeiten konnten.“
„Ja, der alte Oron“, brummte Siegmund leise. Sein Tonfall wurde spürbar ernster. „Ein Mann, der Macht über andere brauchte wie andere die Luft zum Atmen. Aber bist du nicht auf dem Laufenden, was ihn angeht?“
Zwiebus hob eine Augenbraue. „Wieso? Hat man ihn endlich wegen Unterschlagung oder Amtsanmaßung hochgehen lassen? Sag mir nicht, dass der Kerl hier immer noch das Kommando hat, sonst drehe ich auf der Stelle um und fliege zurück nach Stanton.“
„Nein“, sagte Siegmund ruhig. „Er ist weg. Schon seit Jahren.“
„Weg?“ Zwiebus blickte ihn überrascht an. „Pensioniert? Versetzt?“
„Weder noch. Er ist einfach verschwunden. Hat über Nacht seinen Schreibtisch ausgeräumt, die Terminals gelöscht und ist auf ein unregistriertes Schiff gestiegen. Niemand auf Levski vermisst ihn, deshalb hat auch nie jemand offiziell nachgefragt. Wir waren froh, den Kerl los zu sein.“
Zwiebus verschränkte die Arme vor der Brust. „Das klingt absolut nicht nach Cabassa. Der hat doch an seinem Posten geklebt wie verharzter Treibstoff. Warum sollte so jemand einfach verduften, ohne seine Macht mit Klauen und Zähnen zu verteidigen?“
Siegmund sah sich noch einmal um, klinkte dann sein persönliches Datapad vom Gürtel und tippte eine kurze Zeichenfolge ein. „Ich habe mich das auch gefragt. Vor ein paar Monaten musste ich das Archiv nach alten Flugleitdaten durchforsten – Routineüberprüfung wegen einer ungeklärten Frachtlieferung. Dabei bin ich auf ein paar Datenfragmente von den äußeren Sensoren Levskys gestoßen, genau aus der Woche seines Verschwindens.“
Er schob das Pad zu Zwiebus rüber. Auf dem matten Bildschirm flackerte die Signatur eines modifizierten Cutlass-Transporters auf.
„Ich habe die Navigationsdaten rekonstruiert“, fuhr Siegmund fort, seine Stimme nur noch ein Flüstern. „Er hat Levski auf einem Vektor verlassen, der nicht zu den regulären Handelsrouten passt. Kein Jump-Point nach Castra, kein Kurs auf Bremen. Er hat den Vektor direkt auf das Sprungtor nach Pyro gelegt.“
Zwiebus erstaunte gespielt. Er starrte auf das Datapad, dann zu Siegmund auf. „Pyro? Willst du mich verarschen?“
„Ich wünschte, es wäre so.“
„Das ist das Verhalten eines Kriminellen, der ganz genau weiß, dass ihm jemand direkt auf den Fersen ist!“, platzte Zwiebus heraus, die Stimme vor Entrüstung spürbar lauter werdend. Ein Bergbauarbeiter in der Nähe drehte sich kurz um, woraufhin Zwiebus seine Lautstärke zügelte, aber der gespielte Zorn in seinen Augen brannte. „Dieser verdammte Heuchler! Er hat uns jahrelang wegen jeder kleinsten Abweichung vom Reglement drangsaliert! Er hat uns Vorträge über Gesetz, Ordnung und Pflicht gehalten, während er selbst im Hintergrund offenbar Dreck am Stecken hatte, der groß genug war, um in die gesetzlose Hölle von Pyro zu fliehen?!“
„Ruhig, Zwiebus“, sagte Siegmund beschwichtigend und legte ihm eine Hand auf den Arm. „Wir wissen nicht genau, was ihn getrieben hat. Vielleicht hatte er Schulden bei den falschen Syndikaten. Vielleicht hat er hier Gelder unterschlagen und musste untertauchen, bevor die Revision kam. In Pyro fragt niemand nach deiner Vergangenheit – solange du genug Munition hast, um den nächsten Tag zu überleben.“
„Es ist die reinste Verlogenheit“, knurrte Zwiebus und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wir haben damals den Kopf hingehalten, während dieser Kerl sich die Taschen gefüllt oder seine schmutzigen Deals abgewickelt hat. Und am Ende setzt er sich einfach ab, um unter Piraten und Gesetzlosen unterzutauchen? Wenn mir dieser Kerl jemals in den Outlaw-Systemen vor die Mündung läuft, Siegmund…“
„Dann solltest du gut zielen“, unterbrach ihn Siegmund trocken. „Denn wenn Cabassa all die Jahre in Pyro überlebt hat, ist er nicht mehr nur der schikanöse Bürokrat von damals. Dann ist er mittlerweile brandgefährlich.“
„Du hast recht“, sagte Zwiebus schließlich und reichte Siegmund das Gerät zurück. „Trotzdem… es hinterlässt einen bitteren Geschmack. Wir dachten damals, wir dienen dem Gesetz – und am Ende scheint der Mann an der Spitze selbst der größte Dreckskerl von allen gewesen zu sein.“
„Willkommen auf Levski, mein Freund“, sagte Siegmund mit einem schiefen Lächeln und steckte das Pad wieder an seinen Gürtel. „Hier gibt es keine Helden. Nur Überlebende. Aber genug davon – du bist gerade erst gelandet. Lass uns rüber in das Cafe Musain gehen. Ich habe gleich Schichtwechsel, und das erste Schmolz geht auf mich. Wir müssen auf die alten Zeiten anstoßen… und darauf, dass wir Cabassa nie wiedersehen müssen.“
Zwiebus sah seinen alten Kameraden an, „Das ist das erste vernünftige Wort, das ich heute höre. Gehen wir.“