Zwiebus´Logbuch: 21.11.2955 SEY / Besuch auf der IAE /
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Lord_Zwiebus -
12. Januar 2026 um 20:08 -
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Zwiebus´Logbuch: 21.11.2955 SEY / Besuch auf der IAE /
Jendrikon und Zwiebus verspürten die unbändige Lust, eine kleine Spritztour nach Crusader zu unternehmen. Die gewaltige Raumschiffmesse „IAE“ war in vollem Gange, und Jendrikon hatte sein Herz an ein Schiff von Drake Interplanetary verloren. Zwiebus, der ohnehin nichts Besseres zu tun hatte, dachte sich: „Schau ich mir die Pötte eben mal an. Auch wenn mir Orison als Ort viel zu protzig ist – eindeutig zu viele Geldsäcke auf diesen schwebenden Plattformen.“
Schon beim Anflug auf den Raumhafen wurden sie von der schieren Präsenz eines UEE-Kriegsschiffs begrüßt, das majestätisch über den Landebuchten kreuzte. Ein weiterer stählerner Gigant beeindruckte sie direkt am Messeeingang – ein riesiger Pott, der wie von Geisterhand in die gewaltige Dachkonstruktion der Messehalle eingehängt war. Für Zwiebus war das alles bloße Effekthascherei. Die Art und Weise, wie sich das UEE seinen Bürgern präsentierte, war ihm zutiefst zuwider. Zu viel Pathos, zu viel wehendes Fahnengold!
Doch das Schiff, das Jendrikon ihm schließlich zeigte, verschlug selbst dem hartgesottenen Zwiebus die Sprache. Es war das hässlichste und seltsamste Etwas, das jemals den stolzen Titel „Raumschiff“ erhalten hatte. Ein sonderbares, kleines, hässliches Entlein. Zwiebus starrte fassungslos auf die Hülle. Was zum Teufel hatte Drake sich dabei gedacht?
Eine Meisterleistung des Designs war selbst die Drake Cutter wahrlich nicht. Das Schiff was zuletzt von Drake der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Zwiebus hatte sie schon immer als „fliegenden Ziegelstein“ verspottet. Doch das, was Zwiebus´ tränende Augen jetzt zu sehen bekamen, setze dem noch eien drauf.
Die Drake Clipper!
Schnittig war hier beim besten Willen nichts. Dennoch erinnerte das Schiff Zwiebus an eine skurrile Comicfigur. „Es sieht aus wie ein Kulup!“, entfuhr es ihm. „Genau wie eines dieser kleinen Monster aus den Ijon-Tichy-Geschichten von Stanislaw Lem.“
Es passte perfekt: Lem als großer Visionär und dieses „fantastische Design“ hier. Aber trotz der klobigen Form wirkte sie irgendwie sympathisch – und vor allem praktisch. Die Clipper besaß eine winzige Standfläche. Sie konnte quasi auf jedem sprichwörtlichen Punkt der Galaxis landen. Nicht wie eine C1 Spirit, für die man ein ganzes Fußballfeld planieren musste, nur um am Ende eine mickrige 1/8 SCU-Frachtkiste auszuladen. „Da haben die Ingenieure im Magnus-System mitgedacht!“, murmelte Zwiebus anerkennend.
Er konnte plötzlich verstehen, warum Jendrikon sich in dieses Ding verliebt hatte. Er war selbst kurz davor. Die beiden streiften weiter über die Messe, ließen sich Fluggeräte vorführen und drehten die übliche Runde vorbei an Ständen mit Schiffskomponenten. Im Großen und Ganzen war es ein normaler Besuch der IAE – bis auf diese Begegnung mit Drakes hässlichem Entlein.
Zufrieden verließen sie das Messegelände. „Mach’s gut, Jendri! Ich werde mich jetzt zur Seraphim-Station absetzen“, verabschiedete sich Zwiebus und bog in Richtung der Hangars ab. Jendrikon winkte kurz und verschwand in der Menge Richtung Green-Circle-Hotel. „Mit diesem Jendrikon kann man was anfangen“, dachte Zwiebus grinsend. „Mal schauen, was die Zukunft bringt.“
Doch die Drake Clipper ließ den Mann aus Levski nicht los. Kaum auf seinem Zimmer, wälzte er Online-Kataloge, nur um festzustellen, dass dieser seltsame Kasten ein absoluter Verkaufsschlager war. In keinem offiziellen Drake-Shop war er mehr gelistet. „So ein Verdammter Mist!“, fluchte er leise. „Ich bin tatsächlich drauf und dran, meinen alten Kahn in Zahlung zu geben für diese hässliche Schatulle.“
Zwiebus besaß aktuell ein Schiff von „Grey Market“. Eigentlich war er froh darüber gewesen, ein Schiff zu fliegen, für das er selbst auf den abgelegensten Schrottplätzen in Systemen wie Pyro noch Ersatzteile fand. Es war eine seltsame Symbiose aus Bauteilen von MISC, Drake und Anvil. An jedem verdammten Fleck der Welt bekam man eine passende Schraube. Nur was sich die Techniker von Grey bei der sanitären Anlage gedacht hatten, blieb ihm ein Rätsel. Die Sache mit dem Eimer als Toilette war Zwiebus einfach zu viel. Allein die Vorstellung, die künstliche Schwerkraft würde ausfallen, während der Eimer voll war… dieser Gedanke hatte ihn stets daran gehindert, länger im tiefen Raum zu bleiben. Mit seinem Grey-Market-Schiff steuerte er immer den direkten Weg zur nächsten Station an. Aus gutem Grund.
Aber diese kleine Clipper von Drake? Sie sah aus wie ein dreibeiniger Saurier oder eine Ente, die nicht richtig stehen konnte, aber sie hatte alles, was das Herz begehrte: Eine echte Weltraumtoilette mit Absaugung – ein Standard, den es schon vor tausend Jahren auf der ISS gegeben hatte! Ein Med-Bett für leichte Verletzungen und, als absolutes Novum, eine Werkbank mit eingebautem 3D-Drucker. Drake hatte die Nutzung zwar wegen fehlerhafter Firmware vorerst untersagt, aber das war nur eine Frage der Zeit. Und dann war da noch das Cockpit, das am höchsten Punkt des Schiffes thronte. Man hatte eine phänomenale Aussicht, fast als würde man über seinem Landeplatz thronen.
Doch sie war nirgends aufzutreiben. Zwiebus scrollte verzweifelt durch sein Mobi-Glas. In ganz Stanton gab es kein einziges Exemplar, kein Gebrauchthändler führte die Clipper. Wartezeiten von Monaten. Drake hatte voll ins Schwarze getroffen. Selbst in Pyro gab es nichts als Leere.
Frustriert starrte er auf das bläuliche Leuchten seines Displays und zappte lustlos durch Foren. Plötzlich hielt er inne. In einem Beitrag war die Rede von einem Gebrauchthändler im Nyx-System. „Nyx? Warum eigentlich nicht?“, murmelte er und klickte auf den Link.
Die Seite baute sich quälend langsam auf, bis ein vertrauter Schriftzug erschien: KYBER MINERALS INCORPORATED. Die Firma mit Sitz auf Levski, für die er schon früher gearbeitet hatte. Er tippte nervös auf den Schirm. Tatsächlich: Eine Drake Clipper. Wahrscheinlich ein Vorserienmodell, das nun einen zweiten Eigner suchte. „Perfekt!“, rief er aus und wählte sofort die Verbindung nach Levski an.
Nach einem kurzen Gespräch mit einem Unbekannten brannte nur noch ein Wunsch in ihm: Stanton endlich zu verlassen und zurück nach Nyx zu fliegen. Acht Jahre war es her, seit er das letzte Mal auf Delamar gewesen war. Levski war einst seine Heimat gewesen. Als Mitglied der „People’s Alliance“ hatte er das Weltbild der Flüchtlinge aus der Messer-Ära tief in sich aufgesogen. Sein Herz klopfte schneller.
„Das ist es! Jetzt ist es soweit! Ich muss nach Nyx!“, sagte er laut zu sich selbst. Hatte Jendrikon nicht erzählt, dass er auch oft auf Levski war? Dass er sich sogar selbst als Levskianer bezeichnete? Da war er wieder, der Grund, sich mit dem Mann zusammenzutun, den Zwiebus fast über den Haufen geschossen hätte.
Ein Blick auf sein Konto dämpfte die Euphorie. „Verdammt, mein Kontostand ist am Boden.“ Der Vorbesitzer hatte die Clipper laut Beschreibung massiv umgebaut: Bessere Schildgeneratoren, sogar Military-Grade Powerplants! Das trieb den Preis für den Gebrauchten fast auf das Niveau eines Neukaufs. Aber es war nicht nur das Schiff – es war die Aussicht, Levski wiederzusehen.
Zwiebus aktivierte den Comlink. „Jendrikon! Sag mal, wann zieht es dich mal wieder in meine alte Heimat nach Levski?“ Der Funkspruch raste mit Lichtgeschwindigkeit von der Seraphim-Station hinunter nach Orison. Die Antwort kam prompt. „Levski? Ja, sicher! In drei Tagen wäre es so weit. Wir könnten uns am Pyro-Gateway treffen.“ Jendrikon fügte hinzu: „Ich kann dich auf jeden Fall mitnehmen, kein Ding. Habe eh wieder was auf Levski zu erledigen.“
Zwiebus atmete tief durch. „Super! Pyro-Gateway. War ja klar, da müssen wir wohl oder übel durch.“ Ihm war eigentlich nicht nach einem gefährlichen Abenteuer in Pyro zumute, aber Jendrikon schien eine Route zu kennen, um regelmäßig und unerkannt durch die gesetzlosen Sektoren zu kommen. Sie bestätigten den Treffpunkt am Gateway nach Pyro.