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Gestaltszerfall

  • Rahab Aspera
  • 11. Januar 2026 um 16:32
  • 35 Mal gelesen
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Kannst du dich in die Haut eines Menschen versetzen, der die einzigen zwanzig Schritte Freiheit seines gesamten Lebens ausgerechnet in Richtung seines eigenen Todes geht? Zwanzig Schritte, die mehr bedeuten als alles, was er je erlebt hat. Und doch führen sie ihn unaufhaltsam an ein Ende. Du kannst das doch, oder? Auch wenn du es vielleicht nicht vollständig begreifen kannst, so hast du zumindest eine Ahnung davon, wie sich ein solches Gefühl anfühlen muss. Zumindest den schwachen Schatten einer Empfindung. Versuch mir nicht zu sagen, dass du dazu nicht fähig bist. Du hast lange genug gelebt, um mindestens ein oder zwei Momente überstanden zu haben, die dich körperlich oder seelisch zutiefst verletzt haben.

Und selbst wenn du jung bist und deine dunkelsten Erfahrungen vielleicht noch vor dir liegen, so hast du dir doch Gedanken darüber gemacht, was der Tod bedeutet – oder bedeuten könnte. Ich bin mir sicher, dass du reflektieren kannst. Und ich weiß, dass du fähig bist, die Gefühle anderer Menschen nachzuempfinden. Du musst es können, jeder Mensch trägt diese Fähigkeit zumindest in einem kleinen Ansatz in sich.

Doch kannst du dir auch nur ansatzweise vorstellen, wie es ist, als Gefangener in einer Zelle zu leben, vielleicht sogar in ihr geboren worden zu sein? Ein Raum, so eng, dass man weder stehen noch richtig sitzen, weder liegen noch sich aufrichten kann. Ein Ort, an dem jede Bewegung eine Qual ist und jede Veränderung der Körperhaltung schon an ein kleines Wunder grenzt. Ein Leben, das sich in einem Raum abspielt, der enger ist als die Grenzen deiner eigenen Gedanken, und aus dem es kein Entkommen gibt. Was denkst du, worüber man nachsinnt, wenn man nie etwas anderes gesehen, gehört oder gefühlt hat als die stumpfen, immer gleichen Eindrücke eines winzigen, dunklen Daseins?

Wie mag es sich anfühlen, wenn ein Mensch, der sein ganzes Leben lang förmlich eingesperrt war, plötzlich gezwungen wird, zwanzig Schritte auf seinen Tod zuzugehen – stolpernd, unsicher, ein erbärmlicher Anblick? Ein Mensch, der nie zuvor gelaufen ist und dessen Körper gar nicht weiß, wie Freiheit sich wirklich anfühlen sollte?

Ich glaube nicht, dass du das nachempfinden kannst. Nicht wirklich, nicht in seinem vollen Umfang. Selbst wenn du dir vorstellst, dass alles, was dein Leben ausmacht, urplötzlich verschwunden wäre. Selbst wenn du das schlimmste Leid, das du je erfahren hast, mit dem Tausendfachen multiplizierst – selbst dann würdest du nicht einmal in die Nähe dessen gelangen, wovon ich spreche.

Denn es soll Momente geben, in denen man sich wie von einer fremden Macht gelenkt fühlt. In denen der eigene Wille nur noch ein dünner, flackernder Faden ist, den man mit größter Anstrengung festhalten muss, um nicht zuzulassen, dass etwas anderes die Kontrolle übernimmt. Man versucht mit aller Kraft, jene Bilder zu verdrängen, die der verwirrte Verstand einem aufzwingen will. Bilder, die so beunruhigend sind, dass sie den Schlaf und sogar das Wachsein vergiften. Es ist, als würde ein Déjà-vu einen plötzlich kalt erwischen. Dieses irritierende Gefühl, dass das Unterbewusstsein unerlaubten Zugriff auf das Bewusstsein nimmt und Bilder heraufbeschwört, die man angeblich zum ersten Mal sieht, die jedoch seltsam vertraut wirken. Als gäbe es eine geheime, unsichtbare Verbindungstür zwischen einer fremden Welt und dem eigenen Seelenleben.

Vielleicht ist es sogar das Seelenleben eines anderen Wesens, auf das man zugreifen kann, oder schlimmer, das auf einen selbst zugreift. Man fühlt sich wie ein Zuschauer in einem Theaterstück, dessen Handlung man nicht versteht, während man gleichzeitig Statist ist. Nein, eher Kulisse. Ein Bestandteil einer Erinnerung, die nicht die eigene ist, die sich aber dennoch anfühlt wie ein verzerrtes Spiegelbild des eigenen Selbst. Ein Spiegelbild eines Spiegelbildes eines Spiegelbildes, unendlich ineinander verschachtelt, bis jede Grenze zwischen Ich und Nicht-Ich verschwimmt.

Und das Beunruhigendste sind nicht die fremden Gedanken, sondern das, was man darin sieht. Szenen in irrsinnig schneller Abfolge, ein Stakkato aus Reizen, das das Gehirn überflutet. Bilder, die aussehen, als wären sie den kranken Seiten eines wahnsinnigen Apostaten entsprungen. Man erlebt sich selbst in Erinnerungen oder Träumen beim Tun von Dingen, die man nie begehen würde, niemals begehen möchte. Man sieht Menschen, die man noch nie zuvor gesehen hat, die einem aber auf unerklärliche Weise vertraut vorkommen, vertraut wie Figuren aus einem Leben, das man nie gelebt hat.

So jedenfalls wurde es mir berichtet. Und ich bete, dass es nur Geschichten sind. Doch tief in mir glaube ich das nicht.

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