Log Alaska_Seadeleare / 12.2955 SEY / Clandestino en Lorville
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alaska_seadeleare -
6. Januar 2026 um 02:25 -
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Log Alaska_Seadeleare / 12.2955 SEY / Clandestino en Lorville
Es war ein Wunder, dass ich mein mobiGlas überhaupt noch eingeschaltet hatte. Nach dem Zerbrechen der Winters-Gruppe im Wikelo Emporium waren die letzten Tage an mir vorbeigegangen wie ein böser Traum. Ich fühlte mich nicht so niedergeschmettert wie nach den Ereignissen in den ASD-Bunkern; das Gefühl, das mich nun beherrschte, war weitaus verstörender. Meine Stimmung schwankte haltlos zwischen tiefer Enttäuschung und lodernder Wut. Wut auf Brubacker!
Das letzte Bild, das sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatte, bevor er in den sterilen Gängen von Baijini Point verschwand, war sein Rücken. Kein Blick zurück. Keine Geste. Nichts.
In den Wochen zuvor hatte ich geglaubt, wir hätten so etwas wie Freundschaft geschlossen – zumindest war das meine naive Vorstellung gewesen. Doch nach dem, was er sich und mir und Pike gegenüber im Wikelo Emporium geleistet hatte, waren diese warmen Gefühle verflogen. Ein ätzender Zweifel nagte an allem, was ich für wahr gehalten hatte.
Ich war am Ende, wollte niemanden sehen und verspürte nicht einmal den Drang, das Dringendste zu erledigen: mein Verhältnis zu Hyperion zu klären. Diese Aussprache war überfällig, um meinen Status innerhalb der SCIUN zu sichern. Ich hatte keine Ahnung, wo ich stand. Mein Fehler war es gewesen, kurz nach dem Desaster im Emporium einen mobiGlas-Anruf zur SCIUN abzusetzen, während ich noch völlig unter Strom stand. Professor Hyperion war offensichtlich noch immer wütend wegen seines Archäologen. Wahrscheinlich hatte er mich nach meinem letzten Brief als unverschämt und respektlos abgespeichert.
Ich drang nur bis zu seiner Sekretär-KI vor. Die blecherne Stimme fertigte mich kühl ab: „Derzeit ist ausschließlich schriftliche Kommunikation zwischen Ihnen und dem Professor gestattet.“
Abgefertigt wie ein lästiger Bittsteller! Als müsste ich ein offizielles Gesuch einreichen, um überhaupt zur SCIUN zu gehören. Wer weiß, vielleicht war es genau das.
Die folgenden Tage ließ ich mich treiben. In Area 18 wurde die G-Loc Bar zu meinem Zufluchtsort. Ich hatte einen Narren an diesem seltsamen Getränk namens „Sling“ gefressen, das angeblich einst auf Delamar erfunden worden war. Delamar... der Ort, an dem ich Zwiebus erst richtig kennengelernt hatte. Zwiebus. Der alte Mann von Levski. Ich vermisste ihn. Wir hatten keine tiefe Bindung, aber seine lakonische, wortkarge Art hatte Eindruck hinterlassen. Er stand meiner Vorstellung von der Welt sehr nah – einen richtigen Schub dafür gab es jetzt durch meine Erlebnisse mit der Gruppe Winters. Egal!
„Ich hätte gern noch so einen Sling!“, rief ich der Barkeeperin zu. Sie rollte mit den Augen, griff nach dem Cocktailglas und murmelte spöttisch: „Pass auf, dass du mir mit dem Zeug nicht noch zu einem echten Felsenhüpfer wirst.“ „Keine Sorge“, entgegnete ich matt, während ich das Glas entgegennahm. „Ich bin ein Bücherwurm. Das werde ich wohl auch immer bleiben.“
Ich zog mich an einen freien Tisch zurück, als plötzlich mein mobiGlas vibrierte. Ein elektrischer Schlag durchfuhr mich. Hat Hyperion es sich doch anders überlegt? Doch es war nicht der Professor. Es war Pike!
Pike! Was für eine Freude in dieser Tristesse. Ich ahnte, dass auch er noch eine Rechnung mit Brubacker offen hatte. Pikes Reaktion, als Bru uns so eiskalt stehen ließ, war mehr als eindeutig gewesen. Es war kein Live-Call, sondern eine Textnachricht. Pike bat um Hilfe – explizit Zero und den Rest der Truppe.
Er suchte einen alten Freund aus seinen Tagen bei Hurston Dynamics Security. Nach allem, was er erzählt hatte, war sein damaliger Abschied von der HD-Security wohl eher eine überstürzte Flucht gewesen. Nach seinem Abgang von Hurston war er im Pyro-System gestrandet, wo ich ihn schließlich getroffen hatte.
Nun wollte er diesen alten Freund wiederfinden. Und da stand noch etwas, speziell für Zero: Es ging darum, in die Fahndungslisten der Hurston Security einzudringen, um seinen Namen und den seines Freundes endgültig zu löschen. Ein riskantes Spiel. Wenn die gelb-silbernen Blechbüchsen einen dabei erwischten, würden sie nicht lange auf einen Richter warten. Es war bekannt, dass Justiz eine untergeordnete Rolle spielte, wenn es um die internen Belange dieser korrupten Truppe ging.
Pike schlug ein Treffen auf Everus Harbor vor. Direkt am Tor zur Höhle des Löwen!
Ich erinnerte mich daran, wie ich mich als Zivilist in den öffentlichen Bereichen von Lorville bewegt hatte. Nie zuvor hatte ich eine solche Dichte an Sicherheitskräften gesehen – bis an die Zähne bewaffnet, in schweren Kampfanzügen, bereit, jedes Problem im Keim zu ersticken. Ganz Hurston, speziell die Megacity Lorville, atmete dieses Klima der Unterdrückung. Ich konnte mir lebhaft vorstellen, welchen Spaß Zero dabei haben würde, diesen Leuten eins auszuwischen – einfach aus Prinzip.
Ich musste unwillkürlich lachen. „Ich glaube, ich mache da mit!“, murmelte ich vor mich hin. Ich hoffte nur, dass wir klandestin genug vorgehen würden, um keinen Schusswechsel zu provozieren. Das war etwas, das mir inzwischen deutlich schwerer fiel als noch vor einigen Wochen. Die Bilder des Gemetzels in den Onyx-Anlagen brannten noch immer hinter meinen Lidern. Nein, mit so etwas wollte ich nichts mehr zu tun haben.
Ich aktivierte die Antwortfunktion und sprach meine Nachricht ein: „Hallo Pike, habe deine Nachricht gelesen. Die Sache mit Bru hat mich auch ziemlich verstört. Lass uns darüber reden! Was deinen Hilferuf angeht: Ich bin dabei. Muss es aber wirklich Everus Harbor sein? Ich hänge noch in Area 18 fest, mir fehlte bisher jede Motivation mich hier weg zu bewegen. - Mit den ‚Peoples‘ meinst du wohl die People’s Alliance, oder? Ich habe einige von ihnen über Zwiebus kennengelernt, als wir auf Delamar waren. Die Station dort wird von ihnen betrieben – ein Haufen Dissidenten aus der Messer-Ära. Laut Zwiebus haben sie dort eine Enklave geschaffen. Meinst du, wir müssen nach Nyx? Grüße aus Area 18, Alaska.“
Ich besaß noch Zugriff auf eine alte Avenger Titan, die zum erweiterten Pool der SCIUN-Forschungsschiffe gehörte. Es würde niemandem auffallen, wenn ich sie mir auslieh. Sie war zu alt für offizielle Missionen, aber für meine Zwecke reichte sie. Meine Codes funktionierten noch einwandfrei.
Ich warf mich in meine schicke SCIUN-Uniform, die mich unmissverständlich als Archäologen auswies, und machte mich auf den Weg zum Ryker Memorial Spaceport. Als Mitglied des Instituts war es ein Leichtes, mich am ASOP-Terminal einzuloggen. Die Startfreigabe für das kleine Schiff war nur noch Formsache.
Ein bisschen heruntergekommen wirkte sie, aber sie war vollgetankt und sauber geschrubbt, als sie dort im kleinen Hangar vor mir stand. Ich enterte das Schiff und warf die Maschinen an. Ein altmodisches Wummern erfüllte das enge Cockpit. „Nun denn“, murmelte ich zu mir selbst, „auf zu neuen Abenteuern? - Besser nicht.“
[...]
Wir trafen uns im Gastronomiebereich von Everus Harbor. Ich war gerade mit einem dieser massiven Hurston-Security-Gorillas zusammengerasselt, als ich in Gedanken versunken an den Essensständen vorbeiging. Nach dem ersten Entsetzen stellte ich jedoch fest, dass Pike in diesem riesigen Panzer steckte. Seine Haare waren gewachsen; er hatte sich jetzt einen militärischen Bürstenhaarschnitt zugelegt. Er sah verdammt kernig aus – genau wie all diese Affen von Hurston-Security.
„Alaska! Na? Erkennst du mich denn nicht?“, fragte er mit einem gewinnenden Grinsen.
Ich musste unwillkürlich lachen. „Kannst du dich mit dem Ding überhaupt irgendwo hinsetzen? Schön, dich zu sehen! Als ich dich in deiner Rüstung sah, während ich dort hinten um die Ecke kam, habe ich schon die Krise gekriegt und wollte eigentlich sofort wieder umdrehen. Aber dieses hässliche Ding sitzt dir wie angegossen! Es hätte mir klar sein müssen, dass du es bist.“
Wir setzten uns an einen Tisch. Ein seltsamer Vogel in einem orangenen Overall und weißem Schutzhelm – offensichtlich ein Mitarbeiter der Raumschiffabfertigung – stand die ganze Zeit über an unserem Tisch. Nicht etwa unauffällig, sondern auf eine beinahe penetrante Art präsent. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass es Zero war.
„Also, unauffälliger geht’s ja nun wirklich nicht!“, grinste Zero. Er zückte einen offensichtlich gefälschten Hurston-Dynamics-Mitarbeiterausweis und pflanzte sich zu Pike an den Tisch. „So! Da sind wir wieder. Alle zusammen!“
Ich hatte schon einen blöden Spruch auf der Zunge, aber ich riss mich zusammen und sprach Zero nicht auf seine Zeit der Meditation an. Wir freuten uns, uns endlich wiederzusehen, und bestellten jeweils ein Getränk. Dann ließen wir die letzten drei bis vier Wochen Revue passieren. Zero war nach seiner Meditation in Pyro unterwegs gewesen und hatte dort, wie so oft, Schätze in der Wüste gesucht. Er hatte einiges mitgebracht, was er in Stanton verkaufen wollte, darunter diverse Schiffsaggregate in brauchbarem Zustand – sogar ein militärisches Powerplant war dabei. Aber er wurde die Sachen in Stanton einfach nicht los. Sie lagen immer noch im Laderaum seiner „White Rabbit“.
Er war auf ArcCorp auf der Suche nach Brubacker gewesen; er wusste ja nichts von dem Streit, den Pike und ich mit ihm im Wikelo Emporium hatten. Zero erzählte davon, dass er zu Brubackers Redaktion gegangen war, nur um festzustellen, dass ein Post-it mit der Aufschrift „Geschlossen“ an der Tür klebte.
„Das ist eindeutig Brubackers Handschrift gewesen. Er war also hier! Hat er seine Redaktion etwa geschlossen?“, wunderte sich Zero.
Pike raunte düster: „Ich kann dir dazu nichts sagen. Er hat sich beim letzten Mal so schräg verhalten. Von jetzt auf gleich, als wäre er im falschen Film und hätte die falschen Pillen geschluckt.“
„Er wirkte wie ausgewechselt. Dr. Jekyll und Mr. Hyde!“, pflichtete ich Pike bei.
Pike redete weiter: „Er hat mich so sauer gemacht, dass ich ihm einfach nur noch den Mittelfinger zeigen konnte und gegangen bin.“
„Wie jetzt? Sollen wir hier einfach rumsitzen und das war’s? Brubacker ist weg und egal?“, schob ich nach.
„Natürlich nicht!“, monierte Pike. „Wir geben ihn doch nicht auf! Aber eine Erklärung ist er uns auf jeden Fall schuldig.“
Zero legte die Stirn in Falten. „Ich kenne Brubacker ja schon sehr, sehr lange. Doch so ein Verhalten, wie ihr beide es gerade beschreibt, habe ich von ihm noch nie erlebt. Da muss irgendetwas vorgefallen sein, das ihn komplett umgekrempelt hat.“
„Ja, und was soll das sein?“, warf ich dazwischen. „Ich meine, wenn es einen unter uns gegeben hat, der besonders meinungsstark war, dann war das ja wohl er. So einer lässt sich doch nicht von jetzt auf gleich umkrempeln! Womit denn bitte und warum?“
„Hast du seinen letzten Artikel gelesen?“ Zero kramte in einer seiner Brusttaschen und zog eine Nachrichtenfolie hervor. Er breitete sie auf dem Tisch aus. Die Titelseite von Off the Record erschien. „Lies dir diesen Artikel mal durch. Das ist sein letzter Text. Den muss er geschrieben haben, bevor er die Redaktion geschlossen hat“, sagte Zero.
Ich glättete das Blatt und las mir die übliche Schlagzeilenseite durch. Sprache und Duktus waren wie immer, aber der Artikel an sich wirkte seltsam weichgespült. Unsere Erlebnisse in den Onyx- und ASD-Bunkern kamen darin gar nicht vor.
„Als wenn die UEE oder die Advocacy ihm den Text einfach ins Mikro diktiert hätten! So liest sich das.“ Ich nahm noch einen Schluck und wünschte mir, es wäre Alkohol gewesen.
„Ich kenne seinen Schreibstil nicht gut genug, aber letztendlich ist es belanglos, was da steht“, sagte Pike verwundert.
„Belanglos ist genau die Eigenschaft, die auf Brubacker nicht zutrifft“, warf Zero ein.
„Also was denn jetzt? Hat sich Bru den Artikel diktieren lassen?“
„Naja...“, antwortete Zero und sprach nun deutlich leiser. „Vielleicht stammt er ja doch von ihm. Ich meine, kennt ihr den Smith? Die Vorgeschichte von Bru liegt auch für uns nach wie vor im Dunkeln. Ich kenne nur einen kleinen Bruchteil seiner Geschichte. Er äußert sich nie darüber. Er hütet das alles wie ein Geheimnis. Er verbirgt etwas vor uns. Ganz sicher.“
Plötzlich platzte es aus Pike heraus: „Seine seltsame Geschichte... mit 700 Jahren! Meine Güte, was für ein komisches Zeug!“
Das, was hier geschrieben stand, fühlte sich an, als stammte es von einem ganz anderen Menschen als Brubacker. Wir saßen schweigend zusammen, bis in uns allen ein Gedanke reifte, der sich anfühlte wie Verrat: Hatte Bru die Seiten gewechselt? Oder war das alles eine Riesenshow gewesen? Stand er überhaupt jemals auf unserer Seite? Wir alle drei mussten schlucken bei dem Gedanken, den keiner von uns auszusprechen wagte.
„Blödsinn!“, sagte Pike schließlich. „Dieser Gedanke ist Gift. Streichen! Sofort!“
Zero schaute währenddessen auf sein mobiGlas und setzte eine ernste Miene auf. „Themawechsel! Pike, warum hast du uns gerufen?“
Pike holte tief Luft und setzte zu einem Vortrag an. „Ihr wisst doch, dass ich früher für die Hurston Security gearbeitet habe. Aus dieser Zeit habe ich noch die eine oder andere Rechnung mit dem Konzern offen. Und die mit mir auch, logisch.“ Er blickte finster in die Runde. „Hurston hat mich und meinen Freund auf eine interne Fahndungsliste gesetzt. In ganz Stanton bin ich damit praktisch zum Freiwild geworden. Ich vermute sogar, dass die Kopfgeldjägergilde inzwischen von mir weiß und ein Auge auf uns geworfen hat. Sicher bin ich nicht, aber eines weiß ich: Ich muss von dieser Liste verschwinden.“
Zero lachte trocken auf. „Aha, Pike! Und du meinst wohl, da komme ich jetzt ins Spiel?“
„Na, für dich ist das doch ein Leichtes!“, rief Pike aus. „Ich habe dich doch erlebt. Selbst die Verschlüsselungsalgorithmen der ASD haben dir nicht standgehalten. Es sollte für dich doch überhaupt kein Problem sein, in den Datenbanken von Hurston Dynamics mal nachzuschauen und ein bisschen aufzuräumen.“
Zero sah ihm listig in die Augen. „Ein Leichtes also? Da wirst du wohl recht haben, mein Lieber. Aber es gibt einen Haken. Die sicherheitsrelevanten Daten von Hurston Dynamics sind nicht gleichmäßig über die Netze verteilt, wie das beispielsweise bei microTech der Fall ist. HD hat vielleicht nicht die schlauesten Algorithmen, aber sie haben Wachen, die die Terminals schützen. Das Problem ist nicht der Code, Pike – das Problem ist dein alter Verein!“
Ich rieb mir die Augen, während die Tragweite des Plans langsam einsickerte. „Wir sollen uns also ernsthaft dort reinschleichen und ein bestimmtes Terminal finden?“
„Genau!“, bestätigte Pike. „Ich habe auch schon ausgekundschaftet, welches.“ Er fingerte an seinem mobiGlas herum und projizierte einen Kartenausschnitt von Lorville in die Luft. Ein markierter Weg schlang sich durch die Darstellung und endete irgendwo in den alten Industrieanlagen dieser Stadt aus Stahl und Ruß.
„Leichtsinnig bist du überhaupt nicht, oder?“, fragte ich, und spürte, wie die Nervosität zurückkehrte. „Du schickst uns einfach eine Karte von Lorville mit den Standorten der Sicherheitsterminals über das mobiGlas?“
„Mach dir keinen Kopf!“, wiegelte Pike ab. „Das ist eine Karte für einfache Arbeiter, in die ich den Weg manuell eingezeichnet habe. Das fällt nicht auf.“
„Dein Wort in Archibalds Ohr“, murmelte ich wenig überzeugt.
Pike fuhr unbeirrt fort: „Wir werden dort absolut unerkannt eindringen. Ich habe uns neutral getaggte Kampfanzüge der Hurston Security besorgt. Wir werden quasi als Bullen unter Bullen agieren.“
„Bist du verrückt?“, entfuhr es mir. „Ich soll mir eine Uniform anziehen und mit einer gefälschten Identity-Card herumwedeln?“
„Genau das!“, sagte Pike mit einem unerschütterlichen Grinsen.
Zero schien sich kaum Sorgen um die Algorithmen zu machen, doch das Risiko, unerkannt am Gewaltmonopol des Konzerns vorbeizukommen, ließ ihn sichtlich nachdenken.
„Das können wir nur schaffen, indem wir selbst zu Bullen werden“, erklärte Pike. „Ich weiß genau, wie das früher war. Wenn sich einer meiner Kollegen auffällig verhielt – wir hatten doch alle irgendwas am Laufen. Solange es nicht überhandnahm oder zu offensichtlich wurde, haben die Leute der Security, bei Leuten aus der Security ein Auge zugedrückt.“
„Ach, und das soll bei uns jetzt auch funktionieren, wenn wir verkleidet in die Höhle des Löwen marschieren?“, fragte ich genervt. Die Vorstellung gefiel mir immer weniger.
Zero versuchte, die Wogen zu glätten. „Lass uns das so machen. Die Idee ist gar nicht so übel. Pike, nichts Persönliches, aber als besonders schlau habe ich diese Gorillas der Hurston Security nie erlebt. Fliegen wir nach Lorville! Ich habe das Gefühl, das könnte Spaß machen.“
Everus Harbor glich wie immer einem aufgescheuchten Bienenstock. Unmengen an Händlern, privaten Schiffen und Patrouillenbooten der Hurston Security umschwirrten die meistfrequentierte Raumstation im Stanton-System. Direkt unterhalb der Orbitalstation erstreckte sich eine der hässlichsten und zugleich faszinierendsten Städte, die jemals von Menschenhand erschaffen wurden: Lorville. Ein riesiger Moloch, der sich wie ein Krebsgeschwür in die umliegenden Hügel fraß, untermalt vom permanenten Wummern der gewaltigsten Industrieanlagen der Menschheit.
Zero landete seine White Rabbit in einem der zentralen Hangars der Industriemetropole. - Natürlich verfügte er über die nötigen Landungscodes. - Als wir das Schiff verließen und ich meinen Helm abnahm, suchte mich sofort dieser vertraute Geschmack heim. Die schwere, verpestete Luft der Hurston-Atmosphäre. „Nothing smells like Lorville.“ Mir kam sofort die Strophe eines Songs in den Sinn, der in den zwielichtigen Etablissements der Stadt rauf und runter lief.
Pike steuerte schnurstracks auf den Lastenaufzug zu und schob einen Standardcontainer ins grelle Neonlicht. „Schaut mal hier rein! Ich habe eine schwere und eine leichte Security-Armor“, sagte er, während er an den Verschlüssen hantierte. „Alaska, ich nehme an, für dich ist das leichte Modell angenehmer?“
„Auf jeden Fall!“, antwortete ich und schälte mich aus meiner SCIUN-Rüstung.
Ich wechselte in eine zerkratzte, alte Rüstung, die sichtlich schon einige Riots hinter sich hatte – die Tracht der korruptesten Polizeieinheit der Geschichte. Pike rückte mir meine P4 zurecht. „Alaska, du spielst hier einen Veteranen“, murmelte er. „Die alten Hasen mit den zerkratzten Rüstungen tragen ihre Waffen meistens betont lässig.“
Zero zwängte sich unterdessen in eine massive, schwere Kampfpanzerung.
„Los geht’s!“, befahl Pike in militärischem Ton, grinste kurz und schritt energisch voran. Wir folgten ihm in den Aufzug, der uns in die riesige Lobby des Spaceports brachte.
Es war seltsam. Während wir drei strammen Schrittes durch die Hallen des Teasa Spaceports eilten, machte ich eine bedrückende Erfahrung: Alle Zivilisten, denen wir begegneten, richteten ihren Blick starr auf den Boden. Sie wichen uns sofort aus, manche duckten sich sogar weg. Es war unglaublich, welche einschüchternde Wirkung allein diese Uniformen hatten. - Mir kam die Galle hoch.
Pike hingegen schien komplett in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Er wirkte erschreckend überzeugend. „He! Nicht rennen!“, herrschte er einen eilig vorbeihastenden Zivilisten an. Er begann, fast jeden Bürger, der unseren Weg kreuzte, zu maßregeln. Als wir den „New Deal“-Händler erreichten, sahen wir oben auf der Zuschauer-Empore bereits eine größere Gruppe echter Sicherheitsleute stehen.
Sie unterzogen eine Gruppe Zivilisten gerade einem recht rustikalen Verhör. „Nicht rüberstarren! Folgt mir einfach, zügig weiter!“, zischte Pike leise über den internen Funk. „Nicht, dass uns unsere übereifrigen Kollegen da drüben noch zur Unterstützung anfordern.“
Wir eilten die Stufen hinab und sprangen in die bereitstehende Metro. Es war ein beklemmendes Gefühl, in dieser Uniform in der Bahn zu stehen. Ich war selten in Lorville gewesen, aber ich erinnerte mich gut: Wann immer ein Hurston-Gorilla in dieser Montur das Abteil betrat, zogen alle Passagiere unwillkürlich den Kopf ein. Und jetzt standen wir selbst hier – breitbeinig!
Als wir Central-Lorville erreichten, folgte ich Pike, der mit forschem Schritt voranging. „Konzentriert euch!“, raunte er uns zu. „Benehmt euch einfach so, als wären wir die wichtigsten Typen, die diese Stadt je gesehen hat. Wir müssen eins werden mit dem Gewusel der Menschenmassen hier!“
Unter meinem Helm musste ich schmunzeln. Es war wie bei meinen früheren Aufenthalten in Lorville: Auf jeden Zivilisten kam hier gefühlt ein Mann der Hurston Security. Überall begegneten uns in schwere Rüstungen gehüllte Wachleute. Ein kurzes, herrisches Nicken musste als Gruß reichen. „Keine Ehrenbezeugung, Alaska!“, mahnte Pike sofort. „Wir sind hier nicht beim UEE-Militär. Wenn du nicht auffliegen willst, bleib bei einem unterkühlten Nicken.“ Tatsächlich – es funktionierte. Jedes knappe Kopfnicken wurde von den anderen Sicherheitskräften sofort erwidert. Für einen Moment fühlte ich mich wie ein Teil eines verschworenen, dunklen Haufens. Reine Küchenpsychologie, aber wirksam, solche Rituale!
Pike hielt inne und flüsterte: „So, diese Treppe noch runter. Dann verteilen wir uns. Zero, du besetzt das Terminal beim Gitter. Und du, Alaska, stellst dich direkt neben den anderen Security-Mitarbeiter dort drüben. Ich will wissen, ob er Verdacht schöpft, während Zero das System manipuliert.“
Ich schulterte meine P4 noch etwas enger und bezog Position neben dem unbekannten Wachmann. Wir tauschten das übliche, professionelle Nicken aus. „Die absolute Härte“, dachte ich amüsiert und lachte in meinen Helm hinein, „sind Oberlippenbärte!“ Das Klischee war fast schon lächerlich – gefühlt jeder zweite Sicherheitsmann hier trug einen.
„Lustig heute, was…?“, ranzte mich der Kollege plötzlich von der Seite an. Ich versuchte, die Fassung zu bewahren. „Nein, Kollege. Ich musste nur gerade an etwas Amüsantes denken. Sag mal... was gibt’s heute eigentlich in der Kantine? Kann man das Zeug endlich mal genießen?“
Ein energischer Schlag traf mich in die Rippen. Pike stand plötzlich wie aus dem Nichts hinter mir, presste seinen Helm gegen meinen und zischte: „Klappe halten, Alaska!“ Augenblicklich straffte ich mich wie ein Zinnsoldat und starrte starr geradeaus. Pike nickte dem „Oberlippenbart“ entschuldigend zu und zog sich auf seine Position zurück. Verflucht, schoss es mir durch den Kopf, ich sollte dringend einen Grundkurs für Geheimoperationen belegen.
Zero murmelte etwas von hartnäckigen Systemsperren und wechselte plötzlich mit kalkulierter Ruhe das Terminal. Er bewegte sich, als gehöre ihm der gesamte Sektor. Er fingerte kurz am Gerät herum, zückte einen Datenspeicher und flüsterte: „Fertig. Nichts wie weg hier.“
Wortlos setzte sich Pike in Bewegung und schritt die Treppe hinauf. Wir folgten ihm dicht auf den Fersen. Pikes Zurechtweisung hatte gesessen; ich wagte kein Wort mehr zu sagen. Erst als wir sicher im Waggon der Metro saßen, nahm Pike kurz seinen Helm ab und fixierte mich mit brennendem Blick. „Leichtsinn hat einen Namen, Alaska!“, stieß er hervor. „Sorry, ich wollte doch nur unauffällig wirken...“ „Nach dem Kantinenfraß fragen? Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen soll, als ich das hörte! Frag nie wieder nach dem Essen! Hast du das verstanden?“ Ich nickte ernst. Das hatte ich ja jetzt gelernt.
Zurück im Orbit, tief im Bauch der „White Rabbit“, verschwand Zero sofort mit dem Datenträger im Serverraum. Wenig später trat er wieder in den Aufenthaltsraum und verkündete: „Die Daten sind gesichert. Pike, du und dein Freund, ihr seid offiziell Geister. Aus sämtlichen Datenbanken von Hurston Dynamics getilgt.“ Er hielt inne und sah uns lange an. „Da ist aber noch etwas. Ich habe eine zweite Liste extrahiert. Namen von Dissidenten, die hier auf Hurston gejagt werden. Und einen Hinweis auf eine Untergrundorganisation, die Leute aus Lorville herausschmuggelt...“
Zeros Blick war vielsagend. Mir schwante, dass unsere Zeit auf diesem rostigen Industriemoloch noch lange nicht vorbei war . . .
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